DER MIT DEN STERNEN REIST

  • KAPITEL I





    »Life Support Systems activated«, hämmerte die blecherne Stimme in meinem Kopf und ließ mich in einer Welt erwachen, die mir gänzlich unbekannt war. Ich konnte die Augen nur unter großer Anstrengung öffnen und das wenige Licht, das in meine Pupillen drang, ließ den Schmerz in meinem Kopf wie einen Blitz in den Boden schlagen. Es donnerte.


    »Repair required...«, gab die elektronische Stimme weiter von sich und klang dieses Mal vertrauter, als noch Sekunden zuvor.


    Wo bin ich und wie bin ich hierher gelangt?
    Erinnerungen huschten durcheinander, schwache Notsignale hallten darin, verblassten aber im nächsten Moment wieder. Stattdessen sah ich Armaturen vor dem geistigen Auge und... Welten?


    Es gelang mir noch nicht einen klaren Gedanken zu fassen, wohl aber spürte ich, dass ich auf festem Boden stand. Es war nicht der Untergrund, der mich in diesem Moment irritierte, sondern vielmehr die Tatsache, dass ich stand! Und da war noch etwas... ich hatte eine Waffe in der Hand!


    Benommen hielt ich mir die Waffe vor das Gesicht, um sie genauer anzusehen. Sie hatte zwei Mündungen und schimmerte rötlich und schwarz im Licht des Sterns. Noch immer taten mir die Augen weh, so dass es schwerfiel, die Waffe zu fixieren.


    Es war in diesem Augenblick, als ich das erste Mal die Kälte bemerkte! Obwohl ich einen Anzug trug, konnte ich die schneidende Kühle in meinen Gliedern spüren. »Thermal Protection falling«, tönte die Stimme wie zur Bestätigung.


    Ich schaute mich um und fand zu meinem Erstaunen zwei metallene Baracken unweit meiner Position. Noch ein wenig wackelig auf den Beinen, tat ich die ersten Schritte und mit einem tiefen Surren öffnete sich dir Tür der Baracke automatisch. Sogleich fühlte ich die angenehmen Temperaturen und beschloss, mich für den Moment aufzuwärmen.


    Eine Installation an der Wand schien ein dumpfes Licht abzugeben und als ich näher herantrat, sah ich etwas hinter einem Glas. »Nanite Cluster«, flüsterte ich, und hatte etwas benannt, dass ich erkannte, aber mich nicht erinnern konnte, warum es mir bekannt war. Ich sah mich nach weiteren Dingen um, die womöglich eine Erinnerung in mir wachrufen würden, doch der Erfolg blieb aus.


    Ich lief hinüber in die andere Baracke, sah in der Unordnung aber nichts mir bekanntes. Als ich aus dem kleinen Fenster gen Horizont blickte, glaubte ich meinen Augen nicht zu trauen. Ein paar dutzend Fuß entfernt stand ein langer, ebenfalls aus Metall bestehender Außenposten. Der kühlen Brise trotzend spurtete ich dorthin.


    Als auch diese Tür sich mit einem Surren öffnete, blieb ich verdutzt stehen, denn ein Schnabelwesen mit großen Augen sah zu mir hinüber. Das Wesen schnarrte unverständliche Worte- vielleicht zum Gruß- und einmal mehr beschlich mich ein Gefühl der Erkenntnis: einem solchen Wesen war ich nicht zum ersten Mal begegnet.


    Ich tastete mich vorsichtig in den Raum, einen Schritt nach dem anderen. Angst verspürte ich nicht, doch wollte ich Vorsicht walten lassen. Das Schnabelwesen zog ein paar Nanite Cluster aus der Tasche und streckte den Arm in meine Richtung aus. Machte es mir soeben ein Geschenk? Ich griff danach und fing sofort den neugierigen Blick auf, den es mir entgegenwarf: es verlangte zu tauschen! Ich griff in meinen Anzug und zog 10 Units daraus hervor.


    Units! Die allgemeine Währung im Universum!


    Ich erschrak, als mir das Schnabelwesen die Units aus der Hand nahm, denn in meinem Kopf schwirrten Erinnerungen von Handelsposten und Tauschgeschäften. Amorphe Konturen anderer Schnabelwesen bildeten sich und wurden von nachfolgenden Gedanken verweht. Ich musste mehr wissen... ich musste mich... erinnern!


  • KAPITEL II






    Wer bin ich?


    Diese Frage stellte ich mir unweigerlich, doch in meinem Kopf war keine Antwort zu finden. Wie konnte es sein, dass ich mich an Dinge erinnerte, sich meine eigene Existenz jedoch komplett verschleierte? Das Schnabelwesen hatte meine Tiefsinnigkeit bemerkt und sich folglich wieder seinem Holopad gewidmet. Die fremde Sprache machte die Verständigung einfach unmöglich.


    So sehr ich auch nach Erinnerungen rang, ich musste einsehen, dass ich keine Ahnung hatte, wie ich an diesen Ort gekommen war und wer ich einmal war. Vielleicht half es die Umgebung etwas genauer zu untersuchen? Womöglich würde mir dann ein Platz oder eine Sache wieder in den Sinn kommen. So nutze ich den Rest der angebrochenen Hellzeit, um meine eigenen Angelegenheiten zu klären.


    Als der Horizont sich langsam verfärbte und die Dunkelzeit ankündigte, erklärte ich meine Entdeckungstour für beendet und begann den Rückweg zu den Baracken anzutreten. Meine Glieder schmerzten. Ich spürte eine leichte Unterkühlung und hatte das ungute Gefühl, dass die kühle Brise im Dunkeln einer klirrenden Kälte Platz machen würde.


    Ich hatte meine Waffe in der Hand, die ich Stunden zuvor näher studiert hatte, nur um festzustellen, dass einige Funktionen defekt waren. Die Feuerkraft entlud sich in einem Laserstrahl, der mir zum Kämpfen recht ungeeignet erschien. »Entsprechend«, schlussfolgerte ich im Selbstgespräch, » habe ich mehr ein Werkzeug als eine Waffe.« Ich richtete den Laser auf einen Stein und sollte Recht behalten. Der Laser entriss dem Stein Eisenatome in großen Mengen und speicherte sie in meinem Exosuit. So begann ich, die Ressourcen des Planeten zu meinem Vorteil zu nutzen. Ich suchte nach passenden Elementen und Materialien und konnte so den Scanner wieder in Betrieb nehmen, der an meinem Werkzeug installiert war. Als ich diesen das erste Mal nutze, schoss eine Welle über die engere Umgebung, doch was hatte sie bewirkt? »Analysis Visor repair required«, entgegnete die elektronische Stimme, der ich zu vertrauen begann. Sie schien die Kontrolle über meine Lebenserhaltungssysteme zu haben und überwachte meinen allgemeinen Gesundheitszustand akribisch genau. Mit Carbon fand ich das passende Element, um das Visier zu aktivieren und als die nächste Scanwelle über die Landschaft rollte, traute ich meinen Augen kaum. Die Flut an Information, die der Scanner ausfindig machte, wurde in mein Visier übertragen. Es gab Thamiumpflanzen und Platinumblüten in sicherer Entfernung, und der Kreatur, die unweit zu grasen schien, hatte man den Namen Nudoqui gegeben. Eine andere Information ließ mich augenblicklich innehalten. Ein Schauer des Glücks ran meinen Rücken hinunter, denn der Scanner benannte auch den Planeten, auf dem ich mich befand: Eurikopa.


    Es war ein erster Anhaltspunkt! Es war eine dringende Information, um meinen Geist zu beruhigen, auch wenn Eurikopa keine unmittelbaren Erinnerungen wachzurufen vermochte. Ein Gefühl der Erleichterung überkam mich.


    »Life Support offline«, warnte mich die Stimme in meinem Ohr, als ich keinen Moment zu früh die Baracken erreichte. Die Atmosphäre schimmerte in knallroten Farben und die Dunkelzeit brachte wie erwartet eine gefährliche Kälte mit sich. Ich speiste meine Lebenserhaltung mit neuer Energie und machte es mir in der kargen Baracke so gemütlich wie es eben ging. Da mich die Temperaturen zwangen, die nächsten Stunden geschützt zu verbringen, nahm ich mir nochmal die Informationen vor, die der Scanner übermittelt hatte. Die Drohnen, die um das Terrain des Außenpostens patrouillierten, erfüllten den Informationen nach, den Zweck der Sicherung des Geländes, den ich ihnen nach Beobachtung auch zugedacht hatte. Als Sentinel oder Wächter waren sie bekannt.


    Gerade als meine Augen schwer wurden, fiel mein Blick auf ein Icon, dem ich bisher keine Bedeutung schenkte. Ich zoomte die Information heran und sprang wie wild aus dem Stuhl. ‚Standort ihres Schiffes‘ betitle die Zusatzinformation das Icon… Ich hatte ein Schiff! Mir wurde schwindelig und mit der Wucht eines verärgerten Nudoqui holten mich Erinnerungen von Pilotenkanzeln und Bedienungskontrollen ein. Antriebsdüsen pushten einen Raumfrachter in Richtung Sternenhaufen.


    Ich hatte ein Raumschiff!


    Ich musste Schlaf finden. Schon bald würde die Hellzeit anbrechen und mit den ersten Lichtstrahlen des Sterns würde ich mich auf einen längeren Fußmarsch begeben. Ich musste zu meinem Schiff! Ich war sicher, dass ich dort auf all meine Fragen eine Antwort finden würde…


    Mit einem letzten Blick schaute ich in das Rot des Firmaments und sah die vielen Sterne funkeln, die mir sogleich ein unverhofftes Gefühl vermittelten. Das warme, sichere Gefühl Zuhause zu sein...


  • KAPITEL III




    Die letzten Meter zum Schiff waren eine echte Tortur.


    Meine Beine wollten mich nicht mehr tragen und die Erhebung schien kein Ende zu nehmen. Hinter dem Hügel wartete mein Raumschiff auf mich, doch der Marsch durch Hell- und Dunkelzeit hindurch, hatte mich gezeichnet.


    Als ich aufbrach, war ich guter Dinge, doch schnell wurde mir klar, dass ich den direkten Weg nicht einschlagen konnte. Die nackte Kälte zerrte an meinen Schilden und zwang mich Höhlen aufzusuchen, um meinen Eisenspeicher wiederaufzuladen. So wanderte ich im Hellen und erntete Ressourcen während der Dunkelheit. An diesem letzten Anstieg spürte ich den Schlafmangel und die eisigen Temperaturen in jeder Zelle meines Körpers.


    Als ich den Hügelkamm erreichte, erfasste mich ein Gefühl aus Entsetzen und Glück. Dort, wenige Fuß unter mir, in einem Krater der Verwüstung, lag mein Schiff: die Beetlejuice.


    Der Name manifestierte sich in jenem Moment, als ich das Metall rötlich funkeln sah. Es war Erinnerung und Gewissheit zugleich. Ich hatte eine Vergangenheit und die Beetlejuice war ein Teil davon.


    Schwaden aus Rauch stiemten aus dem Schiffsinnern und hüllten die Landschaft in Nebel. Trümmer und Schiffszubehör lagen, im großen Radius verteilt, herum und alles deutete auf einen Absturz hin. Das Schiff war stark in Mitleidenschaft gezogen und als ich mich annäherte, schien sich ein böser Verdacht zu bestätigen: die Antriebe hatten die Bruchlandung nicht unbeschadet überstanden. In diesem Zustand würde mich die Beetlejuice nirgendwo hinfliegen!


    Die Hellzeit strich dahin und mit allerletzter Kraft rettete ich mich in den nähst gelegenen Hohlraum zwischen dem schützenden Gestein Eurikopas. Hier würde ich die Dunkelzeit verbringen und meinem Körper etwas Ruhe gönnen. Noch immer schwelten kleine Brandherde am Schiff, doch mit dem Mut der Verzweiflung war es mir gelungen, genügend Ressourcen zusammen zu klauben, um die Pulse Jet Antriebe und die Startschubdüsen zu reparieren.


    Bei meiner Suche nach Material war ich auf eine Fracht gestoßen, die beim Aufprall vermutlich aus dem Schiff geschleudert wurde. Es war eine Art Maschine und etwas summte hinter der metallenen Außenhaut. Als ich daran herumtastete und nach möglichen Öffnungen suchte, schoss eine fluktuierende, rote Kugel daraus hervor und unerwartet hörte ich eine Stimme in meinem Inneren, die eindeutig nicht meiner mitteilungsbedürftigen Lebenserhaltung gehörte. Sie klang sachlich und… allwissend und bot mir an, dem Weg des Atlas zu folgen. Doch was genau war der Weg des Atlas? Wer (oder was) war der Atlas und welchen Grund hatte ich, ihm zu folgen?


    Ich gehe lieber meinen eigenen Weg, dachte ich, ohne eine Silbe auszusprechen, doch die Kugel hatte meine Gedanken gelesen: »…dann soll es so sein«, gab die Stimme zum Besten und verstummte augenblicklich. Verwundert sah ich mich um und erkannte in fußläufiger Entfernung einige Eisenvorkommen. Richtig, es gab andere Aufgaben. Hastig machte ich mich daran, die nötigen Reparaturen zu beenden. Der Weg des Atlas würde warten müssen.


    Als der Morgen graute und ich in mein Cockpit stieg, schlug mein Herz wie wild. Der Moment war gekommen, der Beetlejuice wieder Leben einzuhauchen und meine Bemühungen sollten Früchte tragen.


    Beinahe geschmeidig hob das Schiff vom Boden ab und ich klatschte vor lauter Freude Beifall. Wie lange ich die Konsolen nicht benutz hatte, konnte ich nicht sagen, doch in diesem Moment flogen meine Finger im Affekt über die Apparaturen. Die Schubdüsen hatten sämtliches Plutonium für den Start verbraucht und mit schnellen Handgriffen übernahm ich das Steuer und bugsierte das Raumschiff über die dichte Baumreihe gen Firmament. Ich zischte durch die Atmosphäre und warf ein letztes Mal den Blick auf Eurikopa. Es hatte etwas betrübliches diesen widrigen und doch schönen Ort nun zu verlassen. Ich linste zu den Armaturen für den Pulse Jet Antrieb hinüber, der mir im Kosmos zu mehr Geschwindigkeit verhelfen würde: meine Reise hatte begonnen und das Universum stand mir offen…


  • KAPITEL IV





    Terina-Lozu war ein Stern der Klasse G im Eoffiessber Band. Er war vor Milliarden Jahren in der Euklid Galaxie zum Leben erwacht und- mit 179301 Lichtjahren- weit vom Zentrum entfernt. Diese Daten lieferte mir die Galaxiekarte, die ich seit geraumer Zeit studierte.


    Ich hatte keine Erinnerungen mehr an diese Funktion, entsprechend kam ich aus dem Staunen kaum noch heraus, als sich eine holografische 3D-Ansicht der Galaxie in meiner Pilotenkanzel öffnete. Sterne leuchteten um mich herum in sämtlichen Farben, die das Lichtspektrum anzubieten hatte. Über ein Kontrollpanel konnte ich mich in der Karte völlig frei bewegen und zu allen Seiten dahinschweben, während eine Hundertschaft an Sternen der näheren Umgebung an mir vorüberzog. Meine Koordinaten wurden bei jedem neuen Aufruf zum Ausgangspunkt deklariert.


    Ich hatte bereits ein Dutzend Sterne analysiert, doch keiner der Namen kam mir bekannt vor oder erweckte gar eine Erinnerung. Noch immer hatte ich nicht die leiseste Ahnung, wer ich war und wie ich in dieses System gekommen war.


    »Alert. Navigational Signal detected«, ertönte die elektronische Stimme des Bordcomputers, den ich angehalten hatte, auf diversen Frequenzen nach Botschaften und Signalen zu fahnden.


    Na endlich! Mein Herz schlug etwas schneller.


    Die ersten Minuten im Kosmos hatte ich damit verbracht, Eurikopa hinterherzusehen. Mit jedem Kilometer, den die Beetlejuice zwischen uns und den Planeten brachte, schrumpften dessen Ausmaße. Bald war er nur noch eine kleine Kugel in der Unendlichkeit und ich stellte mir die Frage, was wohl mein nächster Schritt sein würde? Ohne Erinnerungen hatte ich kein Ziel und ohne Ziel war ich richtungslos. Ich brauchte einen Anhaltspunkt, einen Wink, um mich in die richtige Bahn zu werfen… das empfangene Signal kam gerade recht!


    Ich steuerte auf Sukyvin zu, einem weiteren der vier Planeten, die das Terina-Lozu System beherbergt. Mit letzten Befehlen ließ ich Berechnungen auf den Konsolen durchführen, die den optimalen Eintrittswinkel in die Atmosphäre garantierten. Ich nahm das Steuerruder fest in beide Hände und meisterte den holprigen Einstieg in die obersten Luftschichten perfekt.
    Die Landung war ein Kinderspiel und einmal mehr wurde mir bewusst, dass ich unmöglich zum ersten Mal ein Raumschiff bedient haben konnte. Das Pilotenwissen war mir geblieben.


    Als ich aus der Kanzel stieg, war ich froh den eingebauten Hazardschutz im Anzug zu tragen, der mich vor der intensiven Strahlung auf diesem Planeten schützte, wie er mich auch vor der Kälte Eurikopas bewahrt hatte. Ich stand vor einem Beacon, einem langen Kommunikationsmast, der seinerseits nicht nur Signale abgeben, sondern auch welche empfangen konnte. Ich musste lachen, da mir diese Information sofort in den Sinn kam, während hingegen mein Name noch immer ein Rätsel für mich war… verflixt.


    Solange mich mein Anzug schützte, untersuchte ich die Umgebung und erntete hier und da ein paar Ressourcen mit dem Multitool. In Interwallen suchte ich jedoch mein Schiff auf, um die Schutzschilde wieder aufzuladen. Als die Dunkelzeit heranbrach, war ich damit beschäftigt, die Kommunikation des Beacon umzupolen, sodass er Signale empfangen und nicht mehr versenden würde. Wenige Momente nach meinem Erfolg verzeichnete ich einen ersten Eingang. Es waren Koordinaten einer Handelsstation und nach einem kurzen Abgleich mit den Koordinaten des Beacon, war die Freude groß: der Außenposten war ganz in der Nähe!


    Als ich schnellen Schrittes zur Beetlejuice eilte, konnte ich nicht umhin, zu registrieren, wie unterschiedlich Sukyvin und Eurikopa sich doch waren. Der gelbliche Farbton der Atmosphäre war wohl das markanteste Merkmal neben den palmenartigen Gewächsen auf diesem radioaktiven Planeten.


    Ich fütterte die Startschubdüsen mit Plutonium und kletterte in meine Pilotenkanzel hinein. Wer oder was wohl an der Handelsstation auf mich wartete?


  • KAPITEL V





    Ein Schnabelwesen, ein Gek: ich hätte es wissen können!


    Wie ich unlängst durch Recherche in Erfahrung gebracht hatte, gehörte das System Terina-Lozu zum Handelsterritorium dieser Lebensform. Wen hatte ich also in dieser Station anderes erwartet, wenn nicht einen geschnäbelten Gek? Doch der schnarrenden Sprache dieser Rasse war ich nicht mächtig…


    »Hallo Freund«, entgegnete der Gek und mein Erstaunen war vollkommen!


    Das Wesen sprach, vielmehr schnarrte es in meiner Sprache! Einen kurzen Moment war ich so perplex, dass mein Unterbewusstsein wortlos die Hand zum Gruße hob. Sekunden später drang eine Flut von Fragen in mein Gedächtnis, doch keine wurde ausformuliert. Stattdessen sprach der Gek und erklärte, er würde sich über mein Eintreffen freuen und mit mir tauschen, sollte ich Waren mitführen, die sein Interesse wecken könnten.


    Mir stand nicht der Sinn nach Tauschgeschäften! Ich musste wissen, warum der Gek meine Sprache beherrschte? Ich musste wissen, ob er etwas über mich oder meine Herkunft wusste? So viele Fragen schwirrten in meinem Kopf und als ich eine gefühlte Tirade jener ausgesprochen hatte, ohne eine Antwort abzuwarten, hob der Gek beschwichtigend die Hände. Zu meiner Ernüchterung erwiderte er, dass wir uns noch nie zuvor begegnet waren. Doch, und plötzlich keimte neue Hoffnung in mir, gab es ein Phänomen in der Galaxie, von dem alle Völker gleichermaßen berichteten: meine Gattung war aus dem Nichts am Rande der Galaxie erschienen!


    Zu Hunderten, wenn nicht Tausenden waren wir gekommen, um die Systeme dieser Welt zu erkunden. Wir hatten den Handel neu florieren lassen und damit begonnen, die widrigsten aller Planeten zu besiedeln und zu kartographieren. Während uns die einen misstrauisch beäugten, hatten die Gek uns nur freundliche Absichten unterstellt. Um die Geschäfte mit meinem Volk voranzutreiben, lernten viele seiner Gattung unsere Sprache und umgekehrt.


    Das Wesen sah mich mit großen Augen an, und seine ersten Worte kamen mir in den Sinn… einen Freund hatte es mich genannt und in diesem Augenblick fühlte ich mich wahrlich willkommen, aufgehoben in der sicheren Umgebung eines Freundes.


    Wir verbrachten die gesamte Dunkelzeit damit uns auszutauschen. Ich erzählte dem Gek von meinem Erwachen, meinen verlorenen Erinnerungen und meinem zerschundenen Raumschiff, dass ich spärlich wieder repariert hatte. Der GEK schnarrte und offenbarte, dass ihm Nada und Polo prophezeit hatten, dass er einmal einem Wesen meiner Gattung einen Gefallen würde tun müssen. Ich sah ihn verwundert an, denn ich wusste nicht, wovon er sprach, doch der Gek kramte bereits in seinem Inventar. Er zog ein Pergament daraus hervor und übergab es mit einem langen Schnarren. Es war der Blueprint eines Hyperantriebs, der es mir- einmal in meinem Schiff installiert- ermöglichen sollte, die fernsten Sterne zu bereisen.


    Ich konnte dem Gek nicht genug danken! Ich hatte nichts gleichen Wertes, dass ich dem Schnabelwesen im Gegenzug hätte anbieten können, doch es sah es als seine Pflicht an, mir zu helfen. Zu guter Letzt gab es mir noch die Koordinaten einer nahegelegenen Sternbasis im System und meinte, dort würde ich womöglich die nötigen Teile zum Bau des Antriebs finden. Tiefe Sympathie durchströmte warm meinen Körper, und ich konnte nicht anders, als mich vor der erbrachten Hilfsbereitschaft des Gek zu verbeugen. Entsprechend herzlich fiel unsere Verabschiedung aus.


    Was der Gek aus meinem Inventar nicht benötigte, machte ich an einem Handelsterminal zu Units, bevor ich mich endgültig auf den Weg begab. Mit einem Surren öffnete sich die blecherne Tür und gab den Gang frei, der zu der Plattform führte, wo ich die Beetlejuice gelandet hatte. Die Hellzeit brach herein und ich verließ die Station mit einem Lächeln auf den Lippen: ich wusste noch immer nicht, wer ich war, doch ich war nicht mehr allein!


  • KAPITEL VI




    Die kugelähnliche Formation der Sternbasis war innerhalb der letzten Minuten zu einer Größe herangewachsen, die meine Aussicht aus der Pilotenkanzel zur Gänze füllte.


    Ich war damit beschäftigt, die Daten in mein Holopad zu überspielen, die ich aus einem Runenstein auf Sukyvin ausgelesen hatte. Zuerst konnte ich mit den Informationen nicht viel anfangen, denn die Anordnung der Schriftzeichen war mir gänzlich fremd, doch sobald ich die Silben schnarrte, hatte ich das Gefühl gek zu sprechen. Es war mein erster Versuch die Sprache der Schnabelwesen zu erlernen und ich war mir sicher, dass ich einen scheußlichen Akzent hatte.


    Als sich das einfallende Licht bläulich verfärbte, schaute ich hoch und konnte den riesigen Eingang eines Schiffhangars ausmachen. Es gab einen leichten Ruck, als die Beetlejuice von einem Traktorstrahl erfasst und in eine Fluglinie gezwungen wurde. Wir hatten zur Landung angesetzt.


    Mein Herz schlug schnell. Zu beiden Seiten breitete sich der Eingangsbogen über dem Schiff aus, als würde die Beetlejuice geradewegs ins Maul eines Weltraumungetüms steuern. Das Schiff flog einen langen Schlund entlang und wurde schließlich zu einer Plattform geführt, die sich beim Anflug aus dem Boden schraubte. Ich landete im Bauch der Sternbasis.


    Ich stieg aus der Kanzel und bestaunte den Hangar und das Schiff, dass unweit auf einer anderen Plattform stand. Der Größe nach zu urteilen, hatte es ausreichend Lagerkapazität: ein geräumiger Frachter. Der Pilotensitz war leer. Ich sah mich um und fand zu beiden Seiten des Hangars Aufgänge, die vermutlich ins Innere der Basis führten. Ich entschied mich für den Aufgang linker Hand.


    Surrend öffnete sich die runde Eingangstür und gab den Blick auf einen Korridor frei, an dessen Ende geschäftiges Treiben herrschte. Der schnarrenden Geräuschkulisse nach, waren einige Gek anwesend. Als ich durch den Korridor schritt, war es jedoch kein Schnarren, sondern ein Knurren, das mich willkommen hieß.


    Ein Wesen starrte mich an und baute sich vor mir auf. Es hatte Hörner und trug eine Art Panzeranzug. In seinen Augen blitzten Misstrauen und Übellaunigkeit. Ohne zu zögern schlängelte ich mich um den bulligen Körper herum und wäre dabei beinahe über einen Pflanzenkübel gestolpert. Hinter der furchteinflößenden Gestalt kamen die Schnabelwesen zum Vorschein, deren aufgeregte Kommunikation zuvor nicht zu überhören war. Ich stieß einen Seufzer der Erleichterung aus, sah mich nochmal um und stellte fest, dass mich das Wesen weiterhin beobachtete. Ein Gek kam auf mich zu und gab mir in meiner Sprache zu verstehen, dass ich mich vor den Vy’keen lieber in Acht nehmen sollte. Da jedoch jede Sternenbasis einen Ort des Friedens darstelle, wo der Waffenstillstand oberste Priorität genieße, müsse ich mir hier keine größeren Sorgen machen. Stattdessen sollte ich mich lieber ins Geschäft stürzen.


    Ich tat wie mir geheißen und fragte nach Utensilien und Materialien zum Bau eines Hyperantriebs. Der Gek auf Sukyvin hatte von einem dynamischen Resonator gesprochen, der Hauptbestandteil eines funktionierenden Hyperantriebs war. Man führte mich an ein Handelsterminal und ich konnte den digitalen Katalog nach Rohstoffen und Substanzen durchsuchen, welche momentan in dieser Sternbasis angeboten wurden.


    Schließlich fand ich ein leicht überteuertes Angebot. 'Der Resonator ist ein elektromagnetischer Frequenzoszillator', las ich die Beschreibung, 'der bei der Konstruktion vieler Technologien verwendet wird und der bei der Erforschung der Galaxie unabdingbar ist. Die Geobays diverser Exofahrzeuge sowie die warpfähigen Antriebe einschlägiger Raumschiffe kommen nicht ohne einen solchen aus.'


    Ich zählte ein letztes Mal meine Units und fühlte mich plötzlich recht arm, doch es gab keine billigere Alternative, um meine Reise voranzutreiben. Ich ging den Deal ein.


    Während ich darauf wartete, dass mein Einkauf zur Beetlejuice überführt wurde, sprach ich mit einem Gek, der meine Sprache nicht beherrschte. Er deutete auf meinen Exosuit. Ich verstand und stellte augenblicklich meine gesammelten Rohstoffe zum Handel zur Verfügung. Er bediente sich am Carbon und gab mir im Austausch den Blueprint zur Erweiterung meines Pulse Jet Antriebs in die Hand: ein sehr lohnenswerter Tausch, der meinen Geschäftsinn sogleich weckte!


    Ich beschloss für das ebenso benötigte Heridium auf einfliegende Händler zu warten, um einen möglichst guten Preis zu erzielen und mich anschließend der Umsetzung des Hyperantriebs zu widmen. Leider hatte ich nicht die geringste Ahnung, wie man einen warpfähigen Antrieb in ein Schiff installiert...