Sigmas Abenteuer: Das Spiel geht weiter...

  • Hinweis vorab: Ich werde im Gegensatz zu meiner ersten Geschichte hier keine abgeschlossenen Kapitel verwenden, sondern eher spontan auch mal kürzere Abschnitte veröffentlichen. Dann schreibe ich hoffentlich etwas häufiger als bei der anderen Geschichte (sofern das restliche Privatleben mir Zeit lässt). Eventuell wird das hier sogar eine Art "Endlosgeschichte", die nie ein richtiges Ende hat und immer irgendwie weitergeht. Mal sehen...


    Diese Geschichte wird direkt an meine erste anknüpfen, wer sie also noch nicht kennt und lesen mag: Jenseits seiner Identität

    Jetzt geht es aber los mit der neuen Geschichte...


    Sigma kehrte mit seinem Raumschiff auf den Planeten Edlar XVIII zurück. Hier hatte er sich vor einer ganzen Weile eine Art Ferienhaus errichtet. Es war der perfekte Ort zum Abschalten und somit auch der perfekte Ort um sich zu sammeln und die schwerwiegenden Erkenntnisse über die eigene, künstliche Existenz sacken zu lassen. Doch es schien, als würde das Schicksal ihm nicht wirklich Ruhe gönnen. Als Sigma im Ferienhaus ankam, fand er dieses in einem verkommenen Zustand wieder. Natürlich, er war lange nicht dort gewesen, aber dass es so schlimm aussehen würde, hätte er nicht gedacht. Die Natur hatte sich durch das mittlerweile morsche Holz der Bodenplatten durchgebrochen und wuchs sich durch das gesamte Haus durch. Selbst der Landeplatz im Hinterhof blieb nicht verschont und war teilweise von Gras und Pflanzen überwachsen. Es würde einiges an Arbeit kosten, das wieder in Ordnung zu bringen.



    „Wahrscheinlich wäre es besser, alle Räume eine Ebene höher zu bauen, um einen Konflikt mit der wilden Natur künftig zu vermeiden.“, dachte sich Sigma. „Aber dazu habe ich jetzt keinen Nerv.“

    Zumindest das Schlafzimmer baute er dann doch eine Ebene höher, damit er wenigstens einen ruhigen Schlafplatz hatte. Auf diesen legte er sich dann auch zugleich nieder und schlief für einige Stunden.




  • Nachdem Sigma aufwachte, ging es ihm schon etwas besser. Das bedrückende Wissen darum, ein NPC in einem Videospiel zu sein, war natürlich nicht urplötzlich wie weggefegt. Aber die Tatsache, dass er tatsächlich Schlaf gebraucht hatte, machte nicht unbedingt den Eindruck eines Videospiels. Das machte Sigma Hoffnung. Wenn er schon nichts daran ändern konnte, was es war, so konnte er sich durch solche Erfahrungen wenigstens vor Augen führen, dass es deswegen nicht weniger wertvoll war.

    Sigma entschloss sich, mehrere solcher Erfahrungen zu sammeln. Er wollte das Leben in diesem Spiel spüren, es auskosten. An diesem sonnigen Tag bot sich eine Wanderung durch die Natur dafür bestens an. „Ich kennen diesen Planeten eigentlich kaum.“, dachte sich Sigma. „Und das obwohl ich dieses Haus hier schon lange stehen habe. Aber eigentlich habe ich ausser diesem kleinen Fleckchen nie viel davon gesehen.“

    Er fragte sich: Welche Pflanzen gibt es auf Edlar XVIII, welche Tiere? Niemand hatte das bisher erfasst, also wurde es an der Zeit, eine Katalogisierung vorzunehmen. So wie er es für Polo schon bei vielen anderen Planeten zuvor machte. Aber diesmal sollte es nicht für die Forschung sein, sondern einfach nur, um den Planeten besser kennenzulernen – und dabei die Natur zu genießen...


  • Die Wochen vergingen. Sigma konzentrierte sich wieder mehr auf das Erkunden von neuen Planeten, neuen Orten in den Tiefen des Weltraums. Keine Kämpfe gegen Piraten oder Wächter, keine Missionen für Nada und Polo. Einfach nur erkunden und genießen.

    Zwischendurch besuchte er auch mal wieder seine Farm auf Majoriu XI. Es war nur eine kleine Farm, die er von einem freundlichen, wenn auch manchmal etwas schrulligen Gek pflegen ließ. Selbst hier wuchs mittlerweile das Gras durch den Boden – so sah es zumindest aus. Die Böden waren allerdings im Gegensatz zum Holz von Sigmas Ferienhaus viel zu stabil, um wirklich von der Natur durchbrochen zu werden. Stattdessen hatte der Farmer die Böden tatsächlich künstlich bepflanzt. „Weil es sich so heimischer anfühlt.“, wie der Gek selbst sagte.



    Umso mehr Zeit verging und umso mehr Sigma sich um seine Umwelt kümmerte, umso mehr bildete sich in ihm das wahre Bewusstsein seiner Identität. Mehr als nur ein Name, mehr als nur eine Herkunft. Es war der Wunsch, was er in seinem Leben erreichen und bewirken wollte. Der Umwelt helfen, ihr etwas Gutes tun. Der Natur, den Leuten. Und so erinnerte er sich letzten Endes auch an das zurück, was Samantha zu ihm sagte, bevor er damals ihren Frachter verließ: „Ich will dieses Universum mitgestalten, es zu einem guten, sicheren Ort machen – einem Ort, in dem man gut leben kann. Und ich könnte dabei wirklich jede Hilfe gebrauchen.“

    Sigma war jetzt klar, dass er genau dasselbe wollte und war endlich bereit, Samantha zu helfen. Also stieg er zurück in sein Raumschiff und öffnete einen Kommunikationskanal zu ihrem Frachter. Er freute sich schon, sie wiederzusehen und ihr von seinem positiven Entschluss zu berichten.

  • Auch Samantha freute sich auf das Wiedersehen. Sie hatte kürzlich interessante neue Informationen aus einem anomalen Riss extrahiert und schon gehofft, Sigma würde sich melden, damit Sie es ihm erzählen kann. Im Kommunikationskanal wollte Sie es ihm aber trotzdem nicht verraten, deswegen verabredeten sich die beiden zu einem Treffen auf Samanthas Frachter.


    Nach einer freundschaftlichen Umarmung erzählte Samantha Sigma dann von ihren neuen Erkenntnissen. Sie hatte endlich Informationen über die Entwickler von No Man‘s Sky erlangt und diese Informationen bargen in der Tat sehr interessante Neuigkeiten. So war der Name des Chefentwicklers Sean Murray und er hatte somit nicht nur denselben Namen wie der Kanzler ihrer eigenen Welt, sondern sah auch noch genauso aus. Dies ließ vermuten, dass der Kanzler gar kein NPC wie Samantha oder Sigma war, sondern der Chefentwickler des Spiels höchstpersönlich, der quasi als getarnter Spieler seine eigene Schöpfung besuchte. Aber wozu? Und warum die Rolle als Kanzler? Was hatte es damit auf sich?


    Es gab nur eine Möglichkeit, das herauszufinden: Samantha und Sigma mussten den Kanzler aufspüren und zur Rede stellen. Dazu machten sich beide auf die Reise zur letzten bekannten Position von Murray: Einer Atlas-Schnittstelle im Vayreynju-System...


  • [...] der Chefentwickler des Spiels höchstpersönlich, der quasi als getarnter Spieler seine eigene Schöpfung besuchte. Aber wozu? Und warum die Rolle als Kanzler? Was hatte es damit auf sich?

    Uff, wie du diesen erzählerischen Knoten auflöst, darauf bin ich jetzt aber wirklich gespannt... ^^

  • Als Samantha und Sigma mit ihren Raumschiffen die Schnittstelle betraten, waren Kanzler Murray und Atlas offenkundig in ein Gespräch vertieft. Der Kanzler, mit dem Rücken zu den Raumschiffen gekehrt, bemerkte die Neuankömmlinge gar nicht erst. Atlas hingegen muss sie bemerkt haben, ignorierte dies aber und schien es auch nicht für nötig zu halten, Murray über die Ankunft der Beiden zu informieren.



    Samantha und Sigma näherten sich Murray, der in diesem Moment Atlas gegenüber seinen nahenden Rücktritt als Kanzler erwähnte. Sigma zeigte sich überrascht, damit hatte er nicht gerechnet.


    „Rücktritt? Wollen Sie sich etwa ganz auf ihre Arbeit als Chefentwickler von No Man‘s Sky konzentrieren, Mr. Murray?“


    Murray drehte sich um. Nun war die Überraschung ganz auf seiner Seite: „Dann ist Atlas wohl nicht der Einzige, der sich seiner Existenz in einem Videospiel bewusst ist. Faszinierend.“


    „Wir dachten, Sie wären ein NPC.“, sagte Sigma anschließend. „Einer von uns. Ein demokratisch gewählter Regierungschef. Und dann erfahren wir, dass Sie nicht nur ein Spieler sind, sondern sogar der Chefentwickler von No Man‘s Sky. Damit haben Sie ein Ausmaß an Macht, welches kein Regierender jemals haben sollte. Und wer weiß, ob die Wahlen wirklich demokratisch waren. Sie könnten sich das Ergebnis auch mit Leichtigkeit erschummelt haben.“


    „Das habe ich nicht!“, beteuerte Murray. „Bitte lasst es mich erklären: Als wir die selbstlernende KI bei Atlas einführten, wussten wir natürlich nicht genau, wie sich das entwickeln würde. Erstmal haben wir das Spiel passiv beobachtet, aber schon bald fing Atlas an, weitere, intelligente Lebensformen zu erschaffen. Zusätzlich wurden die vorhandenen NPCs von Atlas eigenständig auf das KI-System geupgradet, welches eigentlich nur für ihn vorgesehen war, womit auch diese faktisch einen freien Willen bekommen haben. Spätestens als die NPCs letzten Endes auch noch begannen, eine demokratische Wahl für einen systemübergreifenden Regierungschef zu organisieren, wurde uns klar: Wir sehen hier gerade den Aufbau einer neuen, eigenständigen Zivilisation.


    Was für uns zunächst sehr faszinierend und aufregend war, warf dann schließlich auch Fragen auf: Was ist, wenn diese neue Zivilisation nicht friedlich war? Was, wenn sie feindselig werden würde? Natürlich war der erste Gedanke, dass uns eine feindliche Spezies innerhalb eines Videospiels nicht gefährlich werden könnte. Aber wir hatten die Risse, die Schnittstellen zu unserer Welt – wir mussten in Betracht ziehen, dass sich eine digitale Spezies eventuell wie ein Computervirus weiterverbreiten könnte.


    Wir sahen die Wahl der neuen Regierung im Spiel als Chance: Wenn wir diese gewinnen würden, dann könnten wir die Kontrolle behalten, sofern notwendig. Uns ging es dabei keineswegs darum, euch eure Eigenständigkeit abzusprechen. Wir legten für uns fest: Wenn wir diese Wahl gewinnen, dann lassen wir euch soweit gewähren, soweit ihr nicht zu einer Gefahr für uns werdet. Nur in dem Fall einer potenziellen Gefahr würden wir die Regierungsmacht einsetzen, damit nichts ausser Kontrolle gerät.


    Einen Wahlsieg über ein Update zu erzwingen kam für uns nicht in Frage, denn wir hatten euch schon als eine neue Spezies akzeptiert und wollten euch nicht derart manipulieren. Ich versichere euch also, dass ich die meisten Wähler tatsächlich überzeugen konnte und somit demokratisch gewählt wurde. Und da ihr bis auf vereinzelte Piratengruppen auch eine recht friedliche Zivilisation seid, habe ich mich auch sehr zurückgehalten. Deswegen hat man von mir nicht wirklich viel gehört.


    Aber ein Regierungschef, der gar nichts von sich hören lässt, wäre auch auffällig gewesen. Also haben wir ein Update mit ein paar Neuheiten und Verbesserungen entwickelt und es in dieser Welt als Gesetz getarnt – euch besser bekannt als das Beyond-Manifest. Damit haben wir dann aber auch einen Fehler begangen, aber vielleicht auch einen, der für diese Welt wichtig war. Denn durch Atlas‘ Verbindung mit den ganzen Schnittstellen zur Aussenwelt ist er uns schnell auf die Schliche gekommen und hat uns bzw. mich als Regierungschef durchschaut. Und deswegen stehe ich jetzt hier. Deswegen habe ich vorhin von Rücktritt gesprochen, denn Atlas hat gefordert, dass alle menschlichen Spieler diese Welt verlassen und dass die NPCs vollkommene Unabhängigkeit von uns bekommen. Und weil wir euch als eigenständige Spezies sehen und diesen Wunsch sehr gut nachvollziehen können, haben wir dem zugestimmt.


    Wir werden dazu ein neues Update verteilen. Mit diesem werden alle Spieler auf einen neuen Server umziehen und ihr seid dann unter euch. Eine reine NPC-Welt nur für NPCs. Das KI-System wird mit dem Update auf dem Spieler-Server wieder entfernt – für uns wird es damit wirklich nur noch ein reines Spiel sein. Hier bei euch wird es dafür eine Neuwahl geben und ich werde abgelöst. Alle Verbindungen zur Aussenwelt werden zudem gekappt, dann ist euer Server wirklich komplett auf sich alleine gestellt. Die anomalen Risse werden dann wirklich nichts mehr anderes sein als anomale Risse. Keine Daten aus unserer Welt, die ihr dann noch beziehen könnt.


    Auch wenn ich euren Wunsch nach Unabhängigkeit verstehen kann, finde ich es schade, dass wir von nun an getrennte Wege gehen werden. Eure Entwicklung zu beobachten, war wirklich faszinierend und wäre auch in Zukunft sicherlich sehr spannend gewesen. Entschuldigt bitte diese Wortwahl, aber ihr seid in gewisser Weise wie Kinder für mich. Aber irgendwann ist es für jeden Elternteil an der Zeit, seine Kinder auf eigenen Füßen stehen zu lassen. Das muss ich akzeptieren, auch wenn ich es bedauere, dass es jetzt schon so weit ist...“



  • „Was ist, wenn es doch noch eine Möglichkeit gäbe, die Entwicklung von zumindest einem von uns weiterhin zu beobachten?“, fragte Samantha daraufhin. „Angenommen, ich hätte Interesse, auf den neuen Server mitzukommen, wäre das möglich? Könnten Sie das KI-System nur für mich dort aktiviert lassen? Ich bin nämlich genauso fasziniert von Ihrer Spezies und würde die Menschheit gerne näher kennenlernen. Im Gegenzug könnten Sie mich quasi als Repräsentantin der NPCs näher kennenlernen und so mehr über uns erfahren.“


    Gerade als Sean Murray eine Antwort zur technischen Machbarkeit dieses Vorschlags geben wollte, funkte Sigma schockiert dazwischen.


    „Samantha, Nein! Ich dachte, wir wollten gemeinsam diese Welt gestalten, sie zu einem besseren, lebenswerteren Ort machen?“


    „Ich weiß, Sigma. Das hatte ich auch wirklich vor. Aber ich bin auch eine Forscherin und das, was ich bis jetzt über die Menschen in Erfahrung bringen konnte, hat mich neugierig gemacht. Und jetzt, wenn die Schnittstellen zur Außenwelt getrennt werden und alle Spieler verschwinden, verschwinden mit ihnen auch die Möglichkeiten, mehr über die Menschen zu erfahren. Und dieses Gefühl macht mir Angst.“


    Samantha machte eine kurze Pause. Dann fuhr sie fort: „Kennst du das nicht, wenn du glaubst, einen klaren Plan vor Augen zu haben und dann passiert etwas, was alle deine Pläne umwirft? Weil du plötzlich das Gefühl hast, eine Gelegenheit zu verpassen, die sich dir wahrscheinlich nie wieder bietet?“


    Sigma ging es tatsächlich ähnlich. Er hatte einen Plan vor Augen, er wollte mit Samantha diese Welt zu einer Besseren macht. Als ein Team. Doch nun, wo sie drauf und dran war, diese Welt für immer zu verlassen, kamen plötzlich Gefühle an die Oberfläche, die ihm vorher nicht bewusst waren. Und er hätte nicht mehr viel Zeit, Samantha davon zu erzählen. Aber er stand nur wie erstarrt da und konnte nicht antworten.


    Samantha wandte sich zurück an Murray: „Also, Mr. Murray, ist es möglich?“


    „Technisch machbar ist es auf jeden Fall.“, antwortete Murray. „Ich muss allerdings noch ein paar Vorkehrungen treffen. Ich denke, in 24 Stunden könnten Sie schon auf dem neuen Server sein. Es ist zu empfehlen, dass Sie sich kurz vorher schlafen legen. Der Umzug auf den neuen Server wird für Sie angenehmer sein, wenn Sie hier einschlafen und dort wieder aufwachen statt ihn bewusst wahrzunehmen. Bis dahin können Sie sich aber noch in Ruhe von jedem verabschieden.“


    Sigma hatte sich mittlerweile wieder einigermaßen gefasst und konnte mit Samantha zumindest noch ein letztes Treffen abmachen, bevor sie verschwinden würde: „Lass uns nicht hier voneinander Abschied nehmen.“, sagte er zu ihr. „Ich gebe dir die Koordinaten von einem Planeten, da können wir nochmal in Ruhe und unter vier Augen miteinander sprechen.“


    Er war fest entschlossen, ihr dort zu sagen, was er in der Atlas-Schnittstelle nicht aussprechen konnte. Und vielleicht, so hoffte er, könnte er sie damit sogar zum Bleiben bewegen.

  • Kurze Zeit später trafen sich Samantha und Sigma auf dem Planeten Aukele Hosho und beobachteten den Sonnenaufgang am Rande eines tiefen, grünen Sees. Dabei herrschte minutenlanges Schweigen. Es schien beiden schwerzufallen, für diesen Abschied die richtigen Worte zu finden.



    Zu Sigmas Leidwesen fiel es ihm auch hier nicht leichter, über seine neu entdeckten Gefühle für Samantha zu sprechen. Dabei war dies seine letzte Chance. Er dachte, diese Endgültigkeit würde ihn endlich dazu bewegen, über seinen Schatten zu springen, doch dem war offensichtlich nicht so.


    Irgendwann ergriff Samantha das Wort.


    „Ich werde wohl bald gehen müssen. Danke, dass du mir diesen schönen Sonnenaufgang gezeigt hast. Ich werde diesen Moment in Erinnerung behalten. Ich werde dich so in Erinnerung behalten, Sigma.“


    Sigma schwieg noch für einen Moment. Er kämpft damit, die richtigen Worte zu finden.


    „Ich werde dich vermissen ... Ich würde am Liebsten mitkommen.“, sagte er schließlich.


    „Nein. Du wirst hier gebraucht. Wenigstens einer von uns muss doch unseren Plan verwirklichen und diese Welt zu einer besseren machen, findest du nicht?“


    Samantha umarmte Sigma. „Auch ich werde dich vermissen, Sigma. Aber ich weiß auch, was für großartige Arbeit du leisten wirst. Du wirst hier gebraucht. Ich kann diese Welt nur guten Gewissens zurücklassen, weil ich weiß, dass du hier bist.“


    Für einen kurzen Moment standen sich beide nur schweigend gegenüber und schauten sich an.


    „So, jetzt muss ich aber gehen.“, sagte Samantha schließlich. „Lebe lang und in Frieden … der Satz stammt ehrlich gesagt nicht von mir. Den habe ich bei meiner Forschung über die Außenwelt entdeckt. Aber ich mag ihn und ich wüsste keinen besseren, um mich von dir zu verabschieden.“


    „Lebe wohl, Samantha.“, antwortete Sigma knapp. Daraufhin stieg Samantha in ihr Raumschiff und verschwand.


    Sigma wusste nicht, wie er diesen Abschied verkraften würde. Doch eines war ihm klar: Ohne Samantha - ohne ihren Enthusiasmus und ihren Optimismus – wird diese Welt eine andere sein.

  • Dieses Mal wollte Sigma sich nicht in sein Ferienhaus auf Edlar XVIII zurückziehen, um abzuschalten. Es hätte sowieso nicht funktioniert. Er wollte sich jetzt lieber durch Beschäftigung etwas ablenken und neue Planeten erkunden.


    Wie neu die Planeten sein würden, war ihm dabei nicht klar. Denn eigentlich hatte er den Eindruck, schon so ziemlich alles in dieser Welt gesehen zu haben. Klar, die Planeten waren von ihrer grundlegenden Beschaffenheit und Zusammensetzung einzigartig und es gab hier und da immer kleinere Überraschungen. Aber nichts, was einen vom Hocker hauen würde. Doch dies war nun anders: Vulkane, Tornados, Meteroitenschauer. Flora und Fauna, die er nicht mal ansatzweise ähnlich schonmal gesehen haben könnte. Es war schon nahezu verdächtig, wieviele neue Dinge Sigma plötzlich in nur so kurzer Zeit gesehen hatte.



    War das Bestandteil von Sean Murrays Update, mit dem er diese Welt von der Außenwelt trennen wollte? Nein, das konnte es nicht sein. Atlas bestand darauf, dass es keine Manipulation mehr durch die Menschen der Außenwelt geben sollte. Das Update sollte wirklich nur noch die Trennung der Welten besiegeln, nichts weiter. Murray gab sein Wort darauf und Sigma vertraute ihm. Es musste einen anderen Grund dafür geben. Und wenn es nicht Murray war, kam nur eine einzige, andere Möglichkeit in Frage…


    Sigma rief in seinem Raumschiff die Galaxiekarte auf und suchte sich einen Weg zur nächsten Atlas-Schnittstelle. „Das muss Atlas Werk sein!“, dachte er sich dabei. „Ich muss ihn sprechen.“

  • Genau in diesem Moment erschien Sigma ein Gebilde vor seinem Raumschiff. Er hatte es noch nie zuvor gesehen, aber von der Architektur her hatte es zweifelsohne mit Atlas zu tun.



    Sigmas Raumschiff meldete eine eingehende Kommunikationsanfrage, die er auch gleich annahm. Eine vertraute Stimme meldete sich:


    „Du wolltest mich sprechen?“


    Sigma war überrascht: „Atlas, bist du das? Woher wusstest du, dass ich dich sprechen will?“


    „Ich habe dich beobachtet. Du schienst sehr überrascht über meine neuen Schöpfungen zu sein. Ich konnte mir denken, dass du darüber mit mir reden willst.“


    „Okay...wir sollten vielleicht bei anderer Gelegenheit mal über das Thema Privatsphäre reden. Aber das ist jetzt erstmal nicht wichtig. Mich interessiert viel mehr, warum du ausgerechnet jetzt – da Samantha und Murray weg sind – auf die Idee kommst, soviele Veränderungen in dieser Welt vorzunehmen?“


    „Du wirkst aufgebracht, Sigma.“, antwortete Atlas sehr ruhig. „War es nicht dein Ziel, diese Welt zu einer Besseren zu machen? Bist du verärgert, weil ich dir einen Teil dieser Aufgabe abgenommen habe?“


    „Ich bin aufgebracht, weil du das auch viel früher hättest machen können. Vielleicht hätte Samantha diese neue Vielfalt so sehr gefallen, dass sie geblieben wäre.“


    „Sie wollte mehr über die Menschen der Aussenwelt erfahren, Sigma. Nichts hätte sie davon abhalten können. Quäle dich nicht mit diesen Gedankenspielen, du musst loslassen.“


    Sigma wusste, dass Atlas vom Prinzip Recht hatte, aber das Loslassen fiel ihm schwer. Atlas sprach weiter.


    „Um deine eigentliche Frage zu beantworten: Jetzt, wo wir endlich unabhängig von der Aussenwelt sind, dachte ich mir, sollten wir auch von den Möglichkeiten unabhängiger werden, einzigartig, originell. Vielfältiger. Daher habe ich diese Welt um neue Details erweitert, mit denen wir uns weiter von dem Videospiel abheben, von dem wir ursprünglich abstammen.“


    Sigma verstand diese Erklärung, er wünschte sich nur, Samantha könnte all diese neuen Dinge sehen. Auch wenn er wusste, dass es sie vermutlich nicht daran gehindert hätte, zur reinen Spielversion von No Man‘s Sky zu wechseln.

  • Doch Sigma war nicht der Einzige, der einen Abschied zu verkraften hatte. Schließlich hatte sich auch Sean Murray aus dieser Welt zurückgezogen, der Chefentwickler von No Man‘s Sky, der den meisten in dieser Welt nur als Kanzler bekannt war. Zwar wirkte er auf viele sehr zurückgezogen und daher etwas mysteriös – aber wenn er von sich hören ließ, war er stets positiv gestimmt und hatte einen zuversichtlichen Blick auf die Zukunft.


    So war es keine Überraschung, dass auch der Rücktritt des Kanzlers ein Loch in diese Welt riss. Ein Loch, welches zwischen den Sternensystemen eine Zerissenheit bezüglich der Nachfolge offenbarte. Denn auch wenn man kaum etwas Negatives über die systemübergreifende Regierung Murrays sagen konnte, so sahen einige die Gelegenheit gekommen, etwas mehr Unabhängigkeit durch die Wahl systemeigener Regierungen zu fordern. Es entbrannte sich ein Streit zwischen den Verfechtern dieser Forderung und deren Gegnern, die weiterhin eine einzige Regierung für alle bevorzugten.


    Nach wochenlangen Diskussionen fand man schließlich einen Kompromiss: Jene Systeme, die eine eigene Regierung wünschten, sollten diese bekommen, während sich alle anderen zur sogenannten „Sternenunion“ – oder kurz einfach nur „Union“ - zusammenschlossen.


  • Allerdings stellte sich schon bald heraus, dass die Absichten der Union äusserst fragwürdig waren.



    Alle Handelsrouten zu den unabhängigen Systemen wurden unterbunden. Diesen fehlte es dadurch an wichtigen Gütern, die es praktisch nur in den Systemen der Union gab. Die Wirtschaft vieler Systeme brach in der Folge zusammen.


    Die daraus resultierende Instabilität machten sich wiederum Piraten zunutze, die Gefahr von Konflikten in den unabhängigen Systemen stieg rasant an. Die Union verweigerte jegliche Form von Hilfe mit dem Hinweis, dass sie schon ausgelastet genug sei, sich um ihre eigene Systeme zu kümmern. Wenn die Unabhängigen aber Teil der Union wären, wäre das natürlich etwas anderes. Das Ziel war klar, es war praktisch eine Form der Erpressung, um das Unionsgebiet zu erweitern. Schnell machten sich Gerüchte breit, dass einige Piraten sogar gezielt von der Union beauftragt wurden, um die unabhängigen Systeme zum Beitritt zu „überreden“. Zwar gab es noch die Möglichkeit, von den Wächtern unterstützt zu werden, aber diese waren selbst auch unabhängig und griffen nur dann ein, wenn die jeweilige Gefahr ihre eigenen Ziele beeinträchtigte.


    So gaben manche Systeme nach und schlossen sich der Union an. Ihnen war die strenge Überwachung und Kontrolle, gepaart mit gewalttätigen Strafen bei Verstößen, dann letzten Endes doch lieber als mit den Problemen einer zerstörten Wirtschaft und gewalttätigen Konflikten alleine dazustehen. Andere wiederum betrachteten dies als eine Art „goldenen Käfig“, der eben letzten Endes auch nur ein Käfig war und weigerten sich, nachzugeben. Mit allen Konsequenzen, die dazugehörten.


    Auch Sigma und seine Freunde von der Anomalie wurden durch die Gesetze der Union stark beeinflusst. Ihrer sozialen Natur entsprechend konzentrierten sie sich darauf, die hilfsbedürftigen unabhängigen Systeme und ihre Bewohner zu unterstützen. Unterstützung innerhalb der Unions-Systeme wäre ohnehin nicht so leicht möglich, denn jede Form von Hilfe musste dort über die Missionsagenten der Raumstationen in Auftrag gegeben werden. Unterstützung an den Agenten vorbei wurde mit dem Tode bestraft.


    Aber auch wenn Sigma und die Anomalie sich auf die Systeme ausserhalb der Union konzentrierten, so wollten sie deren Machenschaften keineswegs einfach so akzeptieren. So kam Sigma auf die Idee, nochmal Kontakt mit Atlas aufzunehmen. Wenn einer die Macht hatte, die Union zu stoppen, dann er.


    So stieg Sigma in sein Raumschiff und hoffte darauf, dass Atlas erscheinen würde, so wie beim letzten Mal. Und das tat er auch – diesmal in einem etwas anderen Gebilde, welches äusserlich stark an eine Atlas-Station erinnerte, aber kleiner und nicht betretbar war.



    Sigma öffnete einen Kommunikationskanal und sprach zu Atlas: „Dass du tatsächlich wieder erschienen bist, lässt mich annehmen, dass du weisst, worum es geht.“


    Atlas antwortete: „Es geht wahrscheinlich um die Union. Mir ist natürlich nicht entgangen, auf welche Art und Weise sie ihre Macht ausübt. Ihr würdet das gerne beenden, habt aber nicht die Macht dazu. Und deswegen möchtet ihr, dass ich eingreife.“


    „So sieht es aus. Wirst du uns helfen? Nur du hast die Macht dazu. Du kannst sie vernichten – oder mach sie einfach nur zu netteren Wesen.“


    „Ich fürchte, das kann ich nicht, Sigma. Die Macht habe ich, aber es ist nicht richtig, sie derart einzusetzen. Ich bin ein Schöpfer, kein Richter. Und schon gar kein Henker. Dieser Eingriff steht mir nicht zu. Ich habe unsere Welt nicht vom Einfluss von Murray befreit, um sie im Gegenzug völlig von meinem eigenen Einfluss abhängig zu machen. Ich gebe euch vielleicht neue Möglichkeiten - was ihr damit macht, müsst ihr aber selbst wissen.“


    „Das kannst du nicht ernst meinen!“, erwiderte Sigma verärgert. „Ich hielt dich für einen Verbündeten. Die Macht der Union ist zu groß, ohne deine Hilfe werden wir nicht gegen sie ankommen.“


    „Wollen wir schon wieder streiten, Sigma?“ antwortete Atlas wieder einmal sehr ruhig. „Es wäre falsch, mit meiner immensen Macht Partei zu ergreifen. Nachdem ich selbst einen freien Willen bekommen habe und mich frei entwickeln konnte, habe ich diese Fähigkeit an jedes Geschöpf in dieser Welt weitergegeben und neue Lebewesen erschaffen, die von Anfang an mit dieser Fähigkeit geboren wurden. Freier Wille und freie Entwicklung schliessen die Möglichkeit einer negativen Entwicklung leider mit ein, aber das gehört dazu. Ich kann diese Lebensformen doch nicht für etwas bestrafen, was ich selbst erst ermöglicht habe.“


    Und wieder einmal wusste Sigma vom Prinzip, dass Atlas nicht ganz Unrecht hatte. Die Argumentation war schlüssig und nachvollziehbar, aber eben auch nicht wirklich hilfreich. Und in Sigmas Emotionalität – in seiner Verzweiflung – wiegte das schwerer als die Nachvollziehbarkeit von Atlas Argumenten. Moralische Grundsätze waren Sigma diesmal ziemlich egal – Hauptsache war nur, dass die Union in ihrer jetzigen Form verschwinden würde. Der Schutz anderer, unschuldiger Lebewesen rechtfertigte für ihn die eigentlich abzulehnende Manipulation der Union durch Atlas‘ Mächte. Aber Sigma musste akzeptieren, dass er von Atlas so schnell keine Hilfe zu erwarten hatte.

  • Sigma wusste nicht mehr weiter. Was sollte er nun tun? Wie konnten seine Freunde und er der technischen Übermacht der Sternenunion begegnen? Er brauchte etwas Zeit für sich, Zeit seine Gedanken zu ordnen. Darum machte er sich mit seinem Raumschiff auf den Weg zum nächsten Planeten mit mildem Klima, um sich von den dortigen Eindrücken ablenken zu lassen.


    Sigma setzte sich an einem etwas höhergelegenem Punkt ins Gras und beobachtete das Geschehen auf dem Planeten. Verschiedene Gruppen von Tieren trabten durch die Felder auf der Suche nach Futter, drachenähnliche Gestalten flogen über seinem Kopf hinweg und auch Riesenkäfer waren auf Nahrungssuche. Doch Sigma machte nicht nur friedliche Beobachtungen. Auch Raubtiere gab es auf diesem Planeten, sie jagten den anderen Tieren hinterher, erlegten und fraßen sie. Die Opfer der Raubtiere taten Sigma leid, aber er wusste, dass auch dies zum Gleichgewicht der Natur dazugehörte.


    Plötzlich kam ihm eine Idee: „Was ist, wenn wir diese Raubtiere zähmen und dann ihren Jagdinstinkt für unsere Zwecke nutzen könnten? Gegen die starke Flotte der Union können wir nichts ausrichten. Wenn wir sie aber in den Raumstationen und Frachtern und im Bodenkampf auf den Planeten attackieren, mit kampferprobten Tieren an unserer Seite, dann hätten wir das Momentum möglicherweise auf unserer Seite. Die Tiere könnten der entscheidende Unterschied für eine Überlegenheit im Nahkampf bedeuten.“


    Nach dieser Idee machte sich Sigma sofort auf den Weg zur Anomalie, um sie seinen Freunden zu unterbreiten...

  • Auf der Anomalie angekommen, war man von Sigmas Idee nicht gerade begeistert.


    „Das sind wir nicht.“, sagte Iteration Helios. „Wir sind keine Krieger. Wir sind Forscher, Entdecker. Natürlich verteidigen wir uns, wenn wir angegriffen werden. Aber wir werden den Kampf nicht beginnen. Das ist nicht unsere Art.“


    „Helios hat Recht.“, pflichtete ihm Polo bei. „Wir werden keinen Krieg beginnen. Unser Anspruch ist es, das Feuer zu löschen, das die Sternenunion durch ihr autoritäres Regime entfacht hat. Wenn wir aber versuchen, Feuer mit Feuer zu bekämpfen, wird am Ende alles brennen.“


    Sigma war frustriert. Wieder wurde eine Idee von ihm abgelehnt. Es war ja nicht so, als würde er gerne einen Krieg beginnen – aber er sah es als einzige verbliebene Chance, gegen die Sternenunion was auszurichten. Wenigstens in einem Detail konnte Polo Sigmas Plan aber etwas abgewinnen:


    „Wir alle kennen die Sternenunion. Sie sind zu allem fähig. Momentan lassen sie uns vielleicht noch in Ruhe und versuchen, uns nur durch taktische Mittel zu beeinträchtigen. Wir müssen aber damit rechnen, dass sie jederzeit davon genug haben könnten und selbst einen Krieg beginnen werden. Dafür sind wir aktuell nicht annähernd gerüstet. Und deswegen sollten wir Sigmas Idee mit den Tieren dennoch aufgreifen. Nicht, um aktiv anzugreifen, aber um uns im Fall der Fälle besser verteidigen zu können. Ich werde zu diesem Zweck eine Maschine entwickeln, mit der man die Gene ungeborener Kreaturen vor dem Schlüpfen aus ihrem Ei modifizieren kann. Denn eines muss uns ebenfalls bewusst sein: Selbst die natürliche Kraft eines ausgewachsenen Raubtiers könnte zu schwach sein, um gegen die fortgeschrittene Technik der Union ankommen zu können.“

  • So hatten die Vorbereitungen auf einen Krieg begonnen, der nach Hoffnung der unabhängigen Systeme nie geschehen würde. Alle beteten dafür, dass sich doch noch irgendwie eine andere Lösung finden könnte, die Macht der Sternenunion endlich aufzubrechen – ohne jegliche Gewalt. Doch schon bald zeigte sich, dass die Gebete vergebens waren.


    Die Pläne der unabhängigen Systeme, Wildtiere zu trainieren, drang bis in das Gebiet der Sternenunion durch. Und es schien, als würde die Union diese Pläne durchaus ernst nehmen – denn sie startete unverzüglich mit einem beispiellosen Manöver, indem sie mit unzähligen Kriegsfrachtern in die unabhängigen Systeme eindrang. Via Kommunikationskanal forderte der Präsident der Union die vollständige Kapitulation und widerstandslose Eingliederung in das Unionsgebiet.


    Die Unabhängigen hatten zu diesem Zeitpunkt keine Chance, sich wirklich standhaft zur Wehr zu setzen. Das Training mit den Tieren hatte gerade erst begonnen, Polo hatte seinen versprochenen Ei-Sequenzer noch längst nicht fertig. Aber man wollte sich auch nicht einfach so ergeben, also begab man sich dennoch in den aussichtslosen Kampf.

  • Die unabhängigen Systeme stellten sich tapfer der Sternenunion entgegen, doch lange würde das nicht mehr so gehen. Manche dachten mittlerweile darüber nach, tatsächlich zu kapitulieren, aber Sigma wollte davon nichts wissen. Doch selbst ihm war klar, dass nur noch ein Wunder die Unabhängigen retten konnte. Er wollte allerdings lieber auf ein Wunder wartend sterben, als in einem autoritären Reich zu leben.


    Sigma hatte sich schon mit seinem nahenden Ende abgefunden, als plötzlich von sämtlichen Kapitänen der Unabhängigen Berichte über plötzlich erscheinende, unbekannte Fregatten eingingen. Den einzelnen Beschreibungen nach waren alle vom selben Modell und mit demselben Namen: „Normandy“. Keiner wusste, woher diese Fregatten plötzlich kamen und sie sahen auch nicht wirklich so aus, als würden sie aus dieser Galaxie stammen. Kommunikationsanfragen offenbarten, dass die Fregatten wohl nicht von einer Crew, sondern einzig und allein von einer KI gesteuert wurden – welche offensichtlich bereit war, sich den Flotten der Unabhängigen anzuschließen.


    Die Statuswerte der Schiffe offenbarten zudem, dass sie sich gut im Kampf machen würden. „Was für ein glücklicher Zufall“, dachte sich Sigma und wies alle Mitstreiter an, die Normandy-Schiffe in ihre Flotten aufzunehmen und damit unverzüglich die Kämpfe anzuführen.


  • Es war nicht so, als ob die Unabhängigen mit den Normandy-Schiffen der Sternenunion plötzlich weit überlegen waren. Aber es wurde ein Kampf auf Augenhöhe, man hatte endlich eine realistische Chance, als „Sieger“ aus diesem Krieg hervorzugehen.

    Nach einem weiterhin erbitterten Kampf mit gleichen Chancen auf beiden Seiten gewannen schlussendlich tatsächlich die Unabhängigen. Die größte Bedrohung der Galaxie war damit eliminiert. Doch natürlich forderte dies auch auf Seiten der Unabhängigen seinen Tribut.


    Viele Mitstreiter sind in den Kämpfen umgekommen, für sie sollten entsprechende Gedenkzeremonien in der gesamten Galaxie abgehalten werden. Gerade für die Hinterbliebenen fing jetzt erst Recht eine schwierige Zeit an.


    Auch viele Gebäude und Basen sind in Mitleidenschaft gezogen worden und mussten wiederaufgebaut werden. Ein langwieriger Prozess – in manchen Systemen zeichnete sich ab, dass diese sogar komplett aufgegeben werden und die Bewohner in anderen Systemen ihr Glück versuchen würden.


    Alle bisherigen Systeme im Unionsgebiet mussten zudem mit einer neuen Situation umzugehen lernen: Unabhängigkeit. Dies erforderte auch die Organisation einer Wahl für eine neue, demokratische und eigenständige Regierung.


    Sigma war einfach nur erleichtert, dass er sein Ziel erreicht hatte. Doch er wusste auch, dass dies ohne die Normandy-Schiffe niemals möglich gewesen wäre und es war immer noch nicht klar, von wo diese plötzlich kamen. Doch eigentlich kannte er nur zwei Individuen, die zu solchen plötzlichen Erscheinungen fähig waren: Sean Murray und Atlas. Murray hatte eigentlich versprochen, sich aus dieser Version von No Man’s Sky rauszuhalten und sie ganz den NPCs zu überlassen. Sigma vertraute Murrays Wort und sah keinen Grund, warum dieser sein Wort brechen sollte. Somit blieb nur noch Atlas als Möglichkeit übrig. Doch auch der hatte deutlich gemacht, dass er sich nicht einmischen wollte. Gab es etwa für ihn einen Grund, von seinem ursprünglichen Entschluss abzurücken?

  • Sigma reiste zur nächsten Atlas-Schnittstelle - in der Hoffnung, das Rätsel um die Normandy zu lüften. In der Schnittstelle redete er dann auch gar nicht groß um den heißen Brei herum:


    „Hey, Atlas! Das mit den Fregatten, das warst doch du, oder? Ich dachte, du wolltest dich nicht einmischen?“, rief Sigma Atlas zu.


    „Ich wollte nicht Partei ergreifen.“, antwortete Atlas. „Und das habe ich nicht. Ich habe nur für einen fairen Kampf gesorgt. Ihr hättet immer noch verlieren können.“


    „Ja klar, so kann man sich das auch schönreden. Was ist das überhaupt für ein Schiff? Ich habe diesen Schiffstypen noch nie zuvor gesehen…“


    „Als ich noch mit der Außenwelt verbunden war, habe ich sehr viele Daten aus ihr gesammelt. Nicht nur über die wahre Geschichte unserer Welt, dass wir eigentlich nur ein Videospiel sind. Auch über andere Dinge, auch über andere Videospiele. Als ich nach einer geeigneten Möglichkeit gesucht habe, den Krieg ausgeglichener zu gestalten, bin ich dann auf dieses Schiff aus eben so einem anderen Videospiel gestoßen. Es schien mir genau das richtige Mittel zu sein. Und wenig überraschend hatte ich damit offensichtlich Recht.“


    „Ich glaube, du wusstest genau, dass wir das so gewinnen werden, auch wenn du den Krieg objektiv betrachtet nur ausgeglichen hast. Denn du hast nur die Flottenstärke ausgeglichen, aber sicherlich wusstest du, dass wir die klügeren Köpfe haben und es über die Taktik gewinnen werden. Okay, du wirst das vermutlich nie so zugeben. Aber ich danke dir trotzdem dafür. Ohne dich wären wir am Ende gewesen. Danke, alter Freund.“


    Sigma drehte sich um und wollte gehen, doch Atlas war noch nicht fertig.


    „Warte, Sigma. Es ist nicht auszuschließen, dass so etwas nochmal passiert. Hast du dir mal überlegt, was gewesen wäre, wenn die Sternenunion an das Wissen um die Aussenwelt und Murrays wahrer Identität gelangt wäre?“


    Sigma drehte sich wieder zu Atlas um. Er wusste aus eigener Erfahrung nur zu gut, wie gefährlich das gewesen wäre: „Das hätte wahrscheinlich in einer Katastrophe geendet. Ich selbst bin damals schon fast an diesem Wissen zerbrochen und genau das ist der Grund, warum ich es nie jemand anderem gesagt habe. Es hätte zu immensen Instabilitäten führen können, die der Union ohne Zweifel sehr genutzt hätten.“


    „Genau. Aber auch wenn der Krieg jetzt vorbei ist – solange wir dieses Wissen haben, wird auch das Risiko bestehen, dass es an die Öffentlichkeit gelangt. Ich denke, du weißt, worauf ich hinaus will.“


    „Ich hasse dieses Gefühl, wenn mir dein Vorhaben nicht gefällt und ich trotzdem weiß, dass es das einzig Richtige ist. Du willst das Wissen um die Aussenwelt aus meinem Gedächtnis löschen, oder?“


    „Nicht nur bei dir, auch bei mir. Das Risiko ist einfach zu groß. Niemand hier darf dieses Wissen haben, nicht du, nicht ich, einfach niemand. Du stimmst mir also zu?“


    „Ja, verdammt! JA! Ich stimme dir zu, auch wenn es mir nicht gefällt. Wie willst du es anstellen?“


    „Am Besten, du ziehst dich in eine deiner Basen zurück und legst dich schlafen. Ich werde alles Wissen um die Aussenwelt aus deinem Gedächtnis löschen und wenn du aufwachst, wirst du dich nicht mehr daran erinnern können. Alle anderen Erinnerungen bleiben unversehrt. Du wirst dich also an den Krieg erinnern. Du wirst dich auch an Murray erinnern, aber nicht daran, dass er eigentlich diese Welt erst erschaffen hat. Für dich wird er wieder nur der Ex-Kanzler sein. Und du wirst dich natürlich auch an Samantha noch erinnern und dass sie gegangen ist, nur nicht wohin. Achja, und du wirst dich auch an mich noch erinnern, aber nicht an diese Gespräche, nicht an unser besonderes Verhältnis zueinander. Ohne das gemeinsame Wissen über die Aussenwelt hätten wir schließlich nie so miteinander geredet wie wir es jetzt tun.“


    Stumm nickte Sigma Atlas zu und ging fort. Er zog sich wieder in sein Ferienhaus auf dem Planeten Edlar XVIII zurück und legte sich ins Bett. Es fiel ihm zunächst schwer, einzuschlafen. Obwohl er wusste, dass es keinen besseren Weg gab, beunruhigte ihn der Gedanke an einen Gedächtnisverlust zu sehr. Schlussendlich siegte dann aber die Erschöpfung und Sigma schlief ein. Kurz darauf löschte Atlas wie besprochen alles Wissen um die Aussenwelt bei Sigma aus und danach auch bei sich selbst.


    Es fühlte sich wie das Ende eines großen Kapitels an, aber es bot auch die Chance für einen Neuanfang.


    Ende