Fort in die Wirklichkeit - eine prozedural generierte Geschichte

  • Einleitung – Wenn Ahnung zur Gewissheit wird

    Welcher Gott hat diese Welt geschaffen? Eine Welt, in der schon zu Beginn der Zufall entscheidet, ob man später seinen Weg mit Waffengewalt und Zerstörung oder mit der andauernden Suche nach Schönheit macht.


    Ich gehöre zu den Bevorzugten des Schicksals. Vor einer langen Zeit erwachte ich in einer Umgebung, die sich mir freundlich zeigte, etwas gebirgig vielleicht, aber durch und durch schön. Ich wäre damals im ersten Augenblick nie auf die Idee gekommen, dass ich diesen Ort nicht nur recht bald wieder verlassen würde, sondern am Ende sogar vergessen. Die Welt meinte es einfach nur gut. Sie schenkte mir aber keine Erinnerungen, von denen ich heute sagen würde, dass sie mir gehören und ganz und gar unteilbar sind. Heute weiß ich, dass ich diesen Planeten meines Erwachens sogar hätte benennen können.


    Ich fange heute an, meine Geschichte aufzuschreiben, weil ich immer häufiger an die Anfänge zurückdenken muss und weil ich immer häufiger eine große Furcht davor spüre, all das, was mir widerfahren ist, wieder zu vergessen. Und ich will mit dem wichtigsten Augenblick anfangen, an dem alles begann und der alles in Frage stellte, was mir bis dahin selbstverständlich erschien. Es war ein Augenblick, in dem eine Ahnung erstmals zum Gedanken wurde; eine Ahnung, die mich lange schon begleitete und mich eines Tages zu einem Entschluss geführt hatte.


    Diese Ahnung begleitete mich lange schon als ein vages und noch unartikuliertes Wissen um die begrenzte Größe meiner Welt. Ich bewegte mich zwar System um System, Planeten um Planeten durch dieses unüberschaubare Universum und genoss alles, was sich jede erdenkliche Lebensform wünschte: totale Bewegungsfreiheit, Sicherheit, Reichtum, Wissen und Erfahrung und vieles mehr. Und doch erschien es mir mit jeder Begegnung und Entdeckung auch wieder entsetzlich klein. Es ist schwer zu beschreiben, worin diese Kleinheit bestand. Aber sie ergab sich daraus, dass nichts passierte, was mich selbst dem Weltall gegenüber klein erscheinen und mich als gering begreifen ließ. Ich steuerte einen beliebigen Planeten an und wusste, nachdem ich ihn gescannt hatte, stets und sofort, was mich dort erwartete. Ich stieg in unendlich verzweigte Höhlen hinab und kannte einen Großteil der Organismen, die dort lebten. Verlaufen konnte ich mich auch nicht, denn an jedem denkbaren Ort konnte ich mich nach oben schießen in die … Freiheit und mein unkaputtbarer Scanner wusste, in welche Richtung ich gehen musste, um mein Raumschiff wiederzufinden.


    Ich könnte Stunden so weiterschreiben und käme immer wieder zu dem Ergebnis: Ich lebte in einer engen Welt, die mir ihre Weite und ihren Reichtum nur vorzuspielen schien. Sie legte Erscheinungen und Spuren, sie gab Hinweise und öffnete Wege und oftmals genau dann, wenn ich das Gefühl hatte, eine Art Gefangener zu sein.


    Beklagte ich mich je? So mancher würde mich beglückwünscht haben und betont, dass ich doch eigentlich im Paradies lebte. Aber was für ein Paradies ist ein Paradies, an dem man permanent das Gefühl hat, dass jeder Fortschritt einen eigentlich wieder auf einen Anfang zurückwirft?


    Und damit bin ich beim eigentlichen Thema meiner Ahnung angelangt: Ich wurde das Gefühl nicht los, dass ich nicht wirklich in diese Welt gehörte und in ihr eher etwas wie ein gerne gesehener Gast war, dem man alle erdenklichen Ablenkungen vor die Sinne stellte, um nur eines zu bewirken: Er sollte nie die Frage stellen, woher er kommt, geschweige denn, wer er ist. Und in der Tat. Ich weiß eigentlich bis heute nicht recht, was ich im Verhältnis zu all den unterhaltenden Spezies bin, denen man am laufenden Band begegnet; auch wenn mir inzwischen einiges sehr viel klarer ist. Doch davon später mehr.


    Fortsetzung folgt ...

  • Man bezeichnete meinesgleichen schon immer als Anomalie. Das war schmeichelhaft, solange mir das die Gewissheit gab, kein Vykeen oder gar ein Gek sein zu müssen. Aber wenn ich dann mal wieder einen dieser Momente hatte, in denen ich zu einer Besinnung kam, in einer der unzähligen Raumstationen und Handelsplattformen zum Sitzen kam und die Augen schloss, solange, bis ich nur noch das leise elektronische Summen der Technik hörte, die mich permanent vor den unfreundlichen Einflüssen der teilweise giftigen Planetenatmosphären schützte und am Leben erhielt, dann wurde mir bewusst, was es eigentlich bedeutete, dass eine ganze Galaxie (mindestens!) sich offenkundig darin einig war, meinesgleichen nicht wie eine eigene Spezies zu betrachten und zu behandeln, sondern als etwas, das kein vollwertiger Teil irgendeiner Normalität sein durfte.


    Was sind wir also? Was will man uns seit Unzeiten nicht sagen? Sind wir ein Virus? Ein missglücktes Experiment? Gefangene aus längst vergangenen Kriegen?


    Zahlenmäßig sind wir all den anderen Kreaturen definitiv unterlegen. Und doch muss es eine ganze Reihe von uns geben. Anders ließe es sich nicht erklären, dass man an gewissen Orten Masken der „normalen“ Kreaturen in großer, ja fast unendlicher Stückzahl für uns zum Verkauf bereithält. Ferner bietet man uns an jedem Ort die Möglichkeit an, unser Äußeres zu modifizieren. Ich habe nie in Erfahrung bringen können, ob man diese Technologie für uns geschaffen hatte, damit wir eine Art Zugehörigkeitsgefühl haben konnten, oder ob man es für die anderen Kreaturen geschaffen hatte, damit diese unseren Anblick nicht ertragen mussten.


    Dann und wann unternahm ich Versuche, etwas über uns in Erfahrung zu bringen, und verwickelte die Bewohner von Raumstationen und Planeten in Gespräche. Doch es war jedes Mal dasselbe. Da war immer diese Geste der Ahnungslosigkeit. Die ausgestreckten Arme, die hochgezogenen Schultern, das zögerliche Kopfschütteln, die Versicherungen, man wisse nicht, wovon man rede. Nicht selten habe ich bei solchen Gelegenheiten ein Geschenk erhalten, wie zum Trost oder als Ablenkung, wie man das bei kleinen Kindern … Woher kommt dieser Gedanke? Ich habe bei den intelligenten Spezies noch nie Kinder gesehen und habe doch einen Begriff davon, den ich gerne auf all die Wesen um mich herum anwenden möchte.


    Aber sei es, wie es sei. Ich will nicht lange herumreden und hier in meinen ersten Sätzen die Gegenwart und die Vergangenheit in einer für die Leserschaft unerträglichen Weise miteinander vermischen. Wenn eine Ahnung zu einer Gewissheit wird, dann ist es gut, wenn diese Gewissheit auch zu einem Entschluss führt. So war es denn vor langer Zeit auch. Ich hatte das deutliche Gefühl, dass ich auf alle meine Fragen und noch unausgebrüteten Ahnungen keine Antworten bekommen würde, wenn ich weiterhin das machte, was diese Welt mich eben tun ließ: wenn ich weiterhin vor mich hin baute und konstruierte, mechanische Gespräche mit den Kreaturen führte, Raumschiffe mit wichtigen Modulen ausstattete, das Zentrum von Galaxien anstrebte und schwarze Löcher dabei nutzte, die merkwürdigerweise immer nur zum Zentrum hin geneigt waren und nie in eine andere Richtung, wenn ich Flora und Fauna scannte, um mich über Naniten zu freuen, dem allgegenwärtigen und stets unverständlichen Atlas diente, im Nexus wie in einem Casino Chips in Technologien umtauschte, wenn ich, wenn ich, wenn ich …


    Ich hatte irgendwann das Gefühl, dass ich nur dann etwas über unseren Ursprung in Erfahrung zu bringen vermochte, wenn ich all das, was mir diese Welt bot, ignorierte und genau das Gegenteil von dem machte, was die Welt von mir wollte. Ich würde mich wieder zurückentwickeln müssen, meine Unzahl an Units, Naniten und Quecksilber loswerden, mich in ein kleines und unbedeutendes Raumschiff quetschen, um den Weg aus dem Zentrum der Galaxie an den Rand zu machen, dorthin, wo man die größtmögliche Entfernung zum Zentrum hatte. Dort musste es etwas geben, das mir diese Welt offenkundig nicht zeigen wollte. Ich wollte sofort alle nötigen Vorkehrungen treffen und mich von allem verabschieden. Aber vor allem musste ich mein letztes Raumschiff wieder gegen mein erstes eintauschen, damit es mein vielleicht letztes werden konnte.


    Ich habe auf der dann folgenden Reise eine Menge erlebt und erfahren. Nicht alles davon war so erwartbar, wie in meinem bisherigen Leben. Und manches davon kratzte an meinem Stolz. Vieles sollte mir weiterhin verborgen bleiben. Und ich habe inzwischen mein altes Leben weitgehend wieder aufgenommen. Aber ich tue es heute als ein anderer und als dieser Andere berichte ich, was ich meine, den Anomalien dieser Welt nicht vorenthalten zu dürfen …


    Fortsetzung folgt ...

  • Kapitel 1 – Die Suche nach einer Rasamama

    Mein Erwachen – etwas anderes war es wirklich nicht – begann einst damit, dass eine Stimme in meinem Kopf mir befahl, beschädigte Module zu reparieren und mein Raumschiff zu suchen. Ich wundere mich heute darüber, wie leichtfertig ich den Gedanken akzeptiert hatte, der Besitzer eines Raumschiffes zu sein. Das Raumschiff, auf das ich stieß, war die Rasamama, ein winziger Jäger, der diese Bezeichnung kaum verdiente. Dennoch weckte er in mir irgendwie ein wohliges Gefühl, als ich ihn bestieg und nach und nach wieder in Gang setzte. Ein solches Schiff musste also auch für mein Vorhaben, dieser Welt entgegenzusteuern, das Schiff der Wahl werden: ein Jäger, der eigentlich keiner war.


    Da ich in der Nähe des Galaxiezentrums starten wollte, suchte ich zunächst dort. Ich bin dort lange nicht mehr unterwegs, sondern eher sesshaft gewesen; vor allem in den Systemen, in denen ich auch Basen errichtet hatte. Sollte ich sie eigentlich abreißen, um völlig ungebunden gegen den Strom dieser Welt zu fliegen? Ich entschied mich dagegen. Irgendwo in mir waren noch wache Zweifel vorhanden.


    Die Suche gestaltete sich schwierig. Die Nachfrage nach solchen Schiffen schien nicht hoch zu sein. Vielleicht war es aber auch einfach nur der bekannte Effekt, dass das seltene Vorkommen von etwas einem erst in dem Moment besonders bewusstwird, wo man sein Erscheinen erhofft. Dabei schraubte ich meine Ansprüche so niedrig wie nur irgend möglich. Was immer mir begegnen wollte, ich würde es kaufen, solange es nur dieser mickrige Jäger mit der viel zu kleinen runden Schnauze war. Ich würde ihn mir schon zurechtbauen.


    Ich war bereit, meine „Pugno“ zu opfern, mein letztes konventionelles Schiff unter all den zusammengesammelten Exoten; ein großer und wirklich schießwütiger Jäger der S-Klasse, der mich mit seinen rund 11.000 u/s hinreichend schnell aus jeder Gefahrenzone brachte. Denn, wenn ich dieses Schiff auch liebte, so habe ich nie besonders viel für Schießereien übriggehabt.


    Ich setzte mich also in verschiedene Raumstationen und stellte mich an meine „Pugno“, davor ein Schild mit der Info: „Tausche diesen S:48+21“ gegen beliebigen Jäger des Typs Rasamama. Leichte Schäden werden akzeptiert“.


    Fortsetzung folgt ...

  • Die Strategie war unmissverständlich, aber nicht optimal. Und sie verdeutlichte mir, dass es grundlegende Unterschiede zwischen den Kreaturen gab. Die meisten Vykeen gingen an mir vorbei, aber irgendwie gezielt, und ließen mir eine Art von Geste angedeihen, die stets mit einem aggressiven Laut verbunden war. Die Vykeen schienen das zu brauchen. Sie strotzten vor Energie und mussten diese loswerden. Anders die Gek. Viele steuerten auf mich zu und wollten mich sogar dann in einen Handel verwickeln, wenn sie augenscheinlich keine Rasamama besaßen. Bezahlen sollte ich sie gegen eine Adresse eines Freundes oder Geschäftspartners, von dem ich dann das entsprechende Schiff erhalten würde. Die Adresse lag selbstverständlich einige Lichtjahre entfernt, aber das sei ja heutzutage kein Problem. Die Korvax reagierten am wenigsten. Wer oder was auch immer diese gesichtslosen Lebensformen geschaffen hatte, er hatte es verstanden, ihnen eine Menge an Empathie mitzugeben. Sie versammelten sich nicht selten in Gruppen, um mich abwechselnd und aus einer gewissen Distanz heraus zu betrachten und ihre Beobachtungen in einer Art Gespräch auszutauschen. Ich hatte das Gefühl, dass all das nur für mich getan war. Denn natürlich haben die Korvax weder ein Gespräch nötig, noch ein Sich-gegenseitig-Zuwenden dabei. Alle Beobachtungen gingen sofort auf in einer Art Schwarmbewusststein, auch wenn sie dieses Bewusstsein leugneten. Und eben dieses unkommunikative Schwarmbewusstsein, zu dem sich jede einzelne Korvax-Entität eher so verhielt wie ein Organ zum Organismus – und eben dieses Schwarmbewusstsein war es auch, das den Moment abwartete, da mein Blick auf die konspirative Gruppe traf, um einen von ihnen mit dem Kopf schütteln zu lassen, fast mitleidig, um mir zu bedeuten, dass mein Vorhaben sich nicht mit ihrer Logik deckte.


    Nach einer langen Weile wurde mir klar, dass dieser Weg nicht von Erfolg gekrönt sein konnte. Ich wechselte einige Male – immer nahe am Zentrum der Galaxie – das System und versuchte mein Glück auf eben dieselbe Weise mit stets demselben Resultat und denselben Erlebnissen. In einem System namens „Dad???“ näherte sich mir eine Korvax-Entität, als hätte sie mich schon erwartet. Ich spürte, wie sie eine Verbindung zu meinem Anzug herstellte, nachdem sie mich gescannt und den Universalübersetzer in meinem Helm mit einem temporären Upgrade beinahe zum Platzen gebracht hatte. Mit wohlgesetzten und eine gewisse Wärme abgebenden Worten fragte sie mich, warum ich mein Leben mit dem Gebrauch einer Rasamama derart dem Zufall preisgeben wollte. Eine bemerkenswerte Frage. Gab sie mir doch einen gewissen Einblick in die Programmierung dieser Wesen, für die der Wert eines Daseins, für die Richtig und Falsch an einem Zahlenwert für die Wahrscheinlichkeit hing, mit der man erfolgreich für den Fortbestand seiner eigenen Integrität Sorge trug. Es ging also um das Maß an Sicherheit, dass eine Handlung bedeutete. Das Gegenteil von Sicherheit war wohl der Zufall und in der Wahrnehmung dieser Korvax-Entität war ich wohl ein Nullpunkt, ein Jemand, der am unteren Rand lebte und auf den die Korvax mit einer gewissen Art von Maschinenmitleid reagierten.


    In dem Augenblick, da diese Entität vor mir stand, habe ich das natürlich so nicht gedacht, aber irgendwie gefühlt. Vielleicht war diese Ebene der tiefen Gewissheit, die schneller als das Verstehen von Worten funktionierte, auch eine Folge des zuvor erhaltenen Upgrades gewesen. In jedem Fall ließ sie mich mit einem Maß an Offenheit reagieren, dass ich Fremden gegenüber niemals aufgebracht hätte. Und so erzählte ich von meinem Vorhaben, mithilfe der Rasamama meinem Anfang entgegenzufliegen und von den Hoffnungen und Versprechungen, die ich mir angesichts dieses Vorhabens machte.


    Fortsetzung folgt ...

  • Sollte ich bis zu diesem Augenblick noch Zweifel gehabt haben, so passierte in diesem Augenblick etwas, das mich in meinem Entschluss endgültig bestärkte: Sämtliche suggestiven Kräfte, die bis zu dem Augenblick auf mich gewirkt haben mochten, verließen mich spürbar. Es war fast, als wollte mein Anzug in sich zusammensacken. Die Korvax-Entität geriet in eine für sie untypische Bewegung. Sie wackelte leicht seitlich, wie wenn man mit dem Knie wackelte und sich die Bewegung in den Kopf fortpflanzte. Die Bewegung steigerte ihr Tempo, bis sie in eine Art Zittern überging. Offenbar hatte ich etwas gesagt, für das die Entität keine Verarbeitungsroutinen hatte. Sie reagierte, aber sie reagierte unkoordiniert. Sie zitterte am ganzen Körper. Ihr Kopf schaute ziellos mal in die eine, mal in die andere Richtung. Sie stieß unkoordiniert Worte aus: „Wir sind – ich bin – wir sind – ich bin – wir – wir – wir?“ Die Entität kam nicht mehr zur Ruhe. Auf der Landebahn wie auch oben in der Lobby schauten die anderen Korvax zu uns herunter. Sie wirkten erschrocken, aber nicht so, als wollten sie mir, der Anomalie, diese Erschrockenheit nur vorspielen. Sie schienen für einen Augenblick ihr Schwarmbewusstsein zu verlassen, um sich ganz auf den einen konzentrieren zu können, der gerade zu kollabieren schien. Ich verstand: Die Korvax-Entität hatte eine gehörige Störung und wurde offensichtlich entkoppelt, um keinen Schaden anzurichten. Ich rechnete mit dem Schlimmsten. Ich rechnete damit, dass man sich jetzt an mir rächen würde. Aber Korvax sind Forscher. Sie sind nach innen gerichtet und gehen weder Risiken ein, noch verschwenden sie Energie. Die Korvax-Entität drehte sich zuckend und zitternd und mit deutlichen Anzeichen der Überlastung um. Sie verließ mich hinkend und schien Probleme zu haben, das Gleichgewicht zu halten. Zunächst steuerte sie ihr Schiff an, stieg dann aber nicht ein. Sie ging daran vorbei und schritt die Einflugschleuse der Raumstation Richtung Weltraum entlang. Keiner der anwesenden Korvax kam ihr zu Hilfe oder versuchte sie zurückzuhalten. Vor meinem inneren Auge sah ich die Regale voller Korvax-Gehäuse, die man bei den Gek und den Vykeen kaufen konnte, um ein weiteres Exemplar ergänzt.


    Ich selbst war aufgewühlt, was noch dadurch verstärkt wurde, dass mein Anzug mir den Defekt meines Universal-Übersetzers mitteilte. Eilig packte ich meine Sachen und sprang in den Stationsteleporter und vergaß das Ziel zu wählen. Ausgespuckt wurde ich auf Neu:Felikey im Britaba II-System. Das war gut, denn hier kam ich wieder zur Ruhe. Neu:Felikey war der wohl mit Abstand schönste und ruhigste Planet, den ich jemals gefunden und in Besitz genommen hatte. Seine Atmosphäre war die einzige, die mich zu durchdringen und zu ordnen vermochte. Er war der bisher einzige Planet, der mein wahres Gesicht kannte, weil ich merkwürdigerweise hier ohne Helm und künstliche Atmosphäre sein konnte.


    Ich fragte mich, ob es wohl einen Punkt geben würde, ab dem sich die Korvax wehrten. Ich hatte jetzt offensichtlich einen Weg gefunden, ihnen großen Schaden zuzufügen, was sich schon bald als ein Irrtum erweisen sollte. Doch dazu später.


    Fortsetzung folgt ...

  • Ich setzte meine Suche nach einer Rasamama fort, indem ich zu einer der nahegelegenen und immer häufiger entstehenden riesigen Archivzentralen flog, um dort bei den Händlern, die von überall her landeten, mein Glück zu versuchen.


    Eine intergalaktische Konstante bei nahezu allen mit Intelligenz ausgestatteten Lebensformen scheint der Hang zur Lüge zu sein. „Ich habe gerade keine Zeit“, habe ich noch nie so häufig gehört wie hier als Antwort auf meine Frage nach einer Rasamama. Vielleicht war es aber auch keine Lüge. Vielleicht war es wirklich so, dass die Zeit den Kreaturen wichtiger war, die sie lange an der Bar verbrachten, um sich zu unterhalten. Wenn man das Gefühl hatte, seine Zeit bei einem sinnlosen Problem zu verschwenden, dann hatte man sie tatsächlich nicht und gab sie infolge dessen auch nicht her. Ich hätte das erwarten können.


    Was sage ich hier eigentlich? Ich will die Ignoranz nicht rechtfertigen, mit der man von Wesen behandelt wird, die allesamt irgendwie in einem Dasein verloren sind, das sie genauso an sich fesselt, wie mein bisheriges Dasein es zu meinem Aufbruch getan hatte. Es war dumm, sie nach einer Rasamama zu fragen, die bei den Vykeen meines Wissens als eine Art Kinderspielzeug gehandelt wurde. Man hätte sie aufrütteln müssen, sie alle an den Schultern packen und durchschütteln müssen. Man hätte ihnen die Frage ins Gehirn schreien müssen, ob sie eigentlich alle wussten, warum sie waren, wo sie waren, und warum sie taten, was sie taten.


    Der Weltraum hat im Laufe der Unendlichkeiten seiner Existenz mehr – weitaus mehr – Formen der Aggressivität hervorgebracht, als Arten der Freundlichkeit oder zumindest Höflichkeit. Die Gek beließen es nicht bei der Lüge, sondern sie schufen Klarheit über ihre Ansicht, indem sie eine Wolke des Ekels auszustoßen vermochten, der kein Filtersystem der Welt etwas entgegenzusetzen hatte. Die Vykeen unterstrichen ihre Absage an mein Anliegen durch einen üblen Stoß mit der Hand an die Schulter, der so schmerzhaft war, dass man verstehen musste: Mein Anliegen wurde offenbar als Angriff gedeutet. Die Korvax waren am perfektesten – wenn man dieses Adjektiv überhaupt steigern sollte. Sie hatten sich von jeder Art Mühe um Wahrheit und damit auch der Lüge verabschiedet. Man rechnete bei ihnen gar nicht erst mit Hilfe oder Zuwendung. Sie reagierten stets mit unterschiedlichen Intensitäten der Abweisung und Ignoranz.


    Mir wurde also folgerichtig klar, dass ich mit meinem Anliegen in der Wahrnehmung der Vykeen ein Kind, in der der Gek eine Bankrotterklärung und in der der Korvax als unberechenbare Irrationalität erscheinen musste. Ich musste, wollte ich erfolgreicher sein, offenbar anders vorgehen. Wie es schien, blieben mir als einzige Möglichkeiten nur der Zufall oder die Illegalität.


    Der Zufall schien mir aussichtslos. Ich hatte nun schon eine ganze Weile mit Suchen und Warten verbracht, ohne eine einzige Rasamama – zufällig – zu Gesicht zu bekommen. Zufall bedeutete stets, dass die Möglichkeit bestand, sofort an ein Schiff zu kommen oder nie. Ich musste mich also an diejenigen wenden, die es vorzogen, nicht gefunden zu werden. Ich musste mich mit Verbrechern einlassen bzw. mit Kreaturen, die als solche gesucht wurden.


    Fortsetzung folgt ...

  • Nicht lange nach dieser Einsicht, die ich noch eine Weile zu verdrängen versuchte, weil sie mir zu heikel und riskant erschien, befand ich mich im Padua-System. Ich hatte dort auf einem Eisplaneten zwei Basen, bei denen ich mich häufiger aufhielt. Denn es ging bei ihnen um viel Nanit und um Radon. Und weil ich gerade nichts Besseres zu tun hatte, ließ ich mich nachdenklich zur Raumstation des Systems treiben. Richtig gelesen. Ich ließ mich mehr oder weniger treiben. Ich hatte es nicht eilig und brauchte Zeit, um einen Gedanken in mir reifen zu lassen. Ich hatte dort schon häufiger Aufträge entgegengenommen, als ich noch nicht so viel Units besaß. Und weil das System von den Korvax unterhalten wurde, hatte ich es dort immer mit einer Entität zu tun, die nie fragte, wofür ich die Units brauchte. Ich hatte eigentlich sogar das Gefühl, nie mit derselben Entität zu sprechen. Das hatte immer etwas Beruhigendes. Und so ließ ich mich sinnierend treiben und fragte mich, ob ich über einen solchen Auftrag mit Gestalten in Verbindung treten konnte, die Kontakt zu Kreisen hatten, bei denen man auch unübliche Informationen beziehen konnte.


    Und so stand ich vor dem Schalter, der immer ein wenig etwas von einer Lotterie hatte. Denn man wusste nie, welchen Planeten man für einen Auftrag bereisen musste. Ich hatte Pech, denn ich musste den Planeten „Via Fiume“ anfliegen, der für siedend heiße und sehr heftige Regenstürme bekannt war. Ich wollte den Auftrag schon ablehnen, da sah ich auf eine Gruppe zwielichtiger Gek, die offensichtlich Wetten miteinander über die Kunden dieses Schalters abschlossen und vor allem darüber, ob die Kunden den Auftrag annahmen oder nicht. Ich nahm an!


    Es dauerte eine ganze Weile, bis ich über einige Umwege den Aufenthaltsort einer Kreatur ausgemacht hatte, die von einem Gek-Unternehmer gesucht wurde, für den sie offensichtlich gearbeitet hatte und dem gegenüber wohl noch unbeglichene Schulden bestanden. Ich fand die Kreatur also auf dem besagten Planeten, einem Planeten, der als Versteck kaum besser hätte geeignet sein können. Von oben versprach er einem üppige, fast paradiesische Verhältnisse. Selten aber gelang einem dort eine Landung, ohne dass gerade einer der berüchtigten Stürme am Toben war. Via Fiume war ein mit riesenhaften Würfelstrukturen übersäter Planet, die innen hohl und daher ideal für versteckte Basen waren. Bei meinem ersten Anflug landete ich auf dem Rand eines solchen Felsens und wurde beim Aussteigen von einer unerwartet heftigen Böe zuerst horizontal fortgerissen wie ein Stück Laub im Wind, um dann durch ebenso heftige und aus dem Nichts kommende Fallwinde in die Tiefe gerissen zu werden. Ich war kaum in der Lage, rechtzeitig einen rettenden Abfangstoß einzuleiten. Der Aufprall war entsprechend hart und schredderte alle meine Sicherheitssysteme. In meiner Panik hielt ich meinen Terrainmanipulator schräg auf den Boden, so dass sich in einem Augenblick ein langer rettender Tunnel auftat, in dem ich den Sturm aussitzen konnte. Glücklicherweise war die Start-Schub-Düse meines Schiffes so voll, dass ich es mir rufen konnte, um meinem Anzug von der automatischen Reparatur einigermaßen wieder herrichten zu lassen.


    Fortsetzung folgt ...

  • Warum erzähle ich das? Es verdeutlicht, unter welchen Eindrücken ich stand, als ich etwas mürbe und notdürftig zusammengeflickt mit einem kaum ernstzunehmenden Gefahrenschutz vor der Kreatur stand, die ich ausliefern sollte: einem ausgewachsenen Vykeenkrieger, der in seiner Behausung an einem Tisch saß und gerade eine Waffe reinigte.


    Ehe ich etwas sagen konnte, stieß er einen Schrei aus, dessen Luftzug ich aus einiger Entfernung an meinem Anzug zu spüren glaubte. Dabei warf er einen Gegenstand nach mir, der, als er hinter mir an der Wand zerschellte, ein Geräusch machte, als würde sehr teure Technologie einen letzten Schmerzensschrei ausstoßen. Fast ebenso schnell, wie er den Gegenstand nach mir schleuderte, hatte er seine Waffe auf den Tisch gelegt, war auf mich zugestürmt und hatte mich am Hals gepackt, um mich hochzuheben.


    Diese Vykeen mit ihrer Kriegerintelligenz. Zum Glück konnte ich das Handeln dieses Riesen aus Krallen und Muskeln einordnen, so dass sich mein Schrecken bald etwas legte. Er betrachtete mich von allen Seiten und wendete mich dabei in der Luft wie einen beliebigen Gegenstand. Ich ahnte, dass er auf seine ganz eigene Art in, auf und an mir las. Diese Spezies führte wahrscheinlich schon seit ewigen Generationen Kriege und kannte keine andere Realität als die des Schlachtfeldes. Egal, wo diese Kreaturen sich gerade aufhielten, die Welt um sie herum zerfiel in Feinde und Verbündete, in potenzielle Bedrohungen und mögliche Unterschlüpfe und dergleichen. Und so las er in meinem Anzug und dessen Zustand, warum ich hier war, über welche Wege ich gekommen war. Instinktiv erfasste er, dass ich keine Bedrohung war, aber die Gegenwart eines Gesetzes herstellte, von dem ich nichts ahnte, und dem er sich als ein Krieger, der seine Ehre reinzuhalten gedachte, aber bereitwillig unterwarf.


    Er pries den Mut und die Mühen, die ich auf mich genommen hatte, um ihn zu finden. Er lobte meine Unbeirrtheit angesichts der Todesgefahr, in die ich mich damit begeben hatte. Und er ahnte aber auch, dass der Auftrag, den ich ausführte, nicht das einzige Motiv sein konnte, dass mich zu solchen Strapazen und Risiken verleitete. Ich möge doch bitte offen sprechen und mein ängstliches Herz öffnen.


    Das tat ich. Ich erzählte ihm von meiner bisher erfolglos verlaufenen Suche und von meinem Vorhaben. Offensichtlich fand er das sehr mutig und bellte anerkennend einige Male. Ich fasste Mut und tat etwas offensichtlich sehr Naives, das mich einiges über die Vykeen lehrte. Ich sagte ihm, dass ich von ihm nur eine Information über eine Beschaffungsmöglichkeit einer Rasamama wollte. Ich hätte nie vor, ihn an meinen Auftraggeber zu verraten.


    Er geriet darüber in ein Lachen, das ihn dazu brachte, mich fallenzulassen. Ein zweiter Vykeen, den ich erst jetzt bemerkte, und der weiter hinten in der Behausung hinter einer Verkaufstheke stand, stimmte mit in das Lachen ein und es dauerte eine ganze Weile, bis die beiden sich wieder beruhigt hatten. Der Vykeen hob mich vom Boden auf und klopfte etwas Sand und Staub von mir, bevor er mich an den Tisch setzte, auf dem seine polierte und buntglänzende Waffe lag. Er setzte sich mir gegenüber und schien zu einer Art Verhandlungsruhe zu kommen. Eine Hand lag dabei auf seiner Waffe, die perfekt auf seine Körpergröße zugeschnitten zu sein schien. Er setzte mir in sparsamen, aber klaren Worten auseinander, dass ich zu gering wäre, um mir ein Urteil über meine Befugnisse zu erlauben und ich sollte besser darüber schweigen, um nicht noch mehr Peinlichkeit auf mich zu laden. Er erklärte mir etwas von alten und heiligen Gesetzen, denen ein Vykeen-Krieger unterworfen war und zu denen es gehörte, dass man eine Schuld, in die man sich einst wissentlich begeben hatte, dann zu begleichen hatte, wenn sie zu einem wiederkehrte – und sei es auch nur in der Gestalt einer so schmächtigen Kreatur, mit der er zweifelsohne mich meinte. Sollte ich also auf die Idee kommen und ihn seinem Auftraggeber nicht melden, so würde er mich zur Strecke bringen müssen. Ich verstand, dass ich hier nichts zu melden hatte und jeder Einspruch meinerseits fehl am Platze war. Ich verstand, dass es hier darum ging, einem Gesetz zu gehorchen, durch das ein Vykeen erst zu einem Vykeen wurde, selbst wenn es einem Außenstehenden noch so absurd erschien.


    Fortsetzung folgt ...

  • Schließlich ging er auf die Information ein, die ich von ihm wünschte und sagte, ich könne sie haben, müsste mir aber im Klaren darüber sein, dass dies ein Handel wäre, auf den ich mich einließ. Und ein Handel um Wissen erfordere, dass nützliches Wissen mit nützlichem Wissen zu vergelten sei. Was ich zu bieten habe, fragte er. Ich tat einen recht feigen Schritt, der mir noch heute quälende Pein bereitet, wenn ich an ihn denke, und der mir zeigt, wie sehr mich die Angst in der Situation doch im Griff hatte: Ich verriet eine ganze Spezies und erzählte dem Vykeen, dass ich herausgefunden hätte, wie man die Korvax bekämpfen und dabei Munition sparen konnte. Ich erzählte ihm von meinem Erlebnis, das ich auf der Raumstation von „Dad???“ hatte und glaubte für einen Moment, so etwas wie ein Lächeln auf dem Gesicht des Riesen zu entdecken.


    Er akzeptierte, was ich ihm zu bieten hatte, und willigte in den Handel ein. Ich bekam, was ich wollte. Er sagte mir, dass ich einige Lichtjahre entfernt einen Planeten finden würde, der sich im System GMS Gamma befand. Dort sollte ich auf dem sechsten Planeten, weil der am häufigsten angesteuert würde, eine Basis mit mindestens drei Landeplätzen errichten und warten. Bald würde dort ein Schiff des von mir gewünschten Typs landen und sich leicht gegen mein Schiff eintauschen lassen.


    Als ich ihn nach den Portalglyphen fragte, über die man diesen Planeten erreichen konnte, stutzte er verständnislos, als hätte ich eine große Dummheit geäußert, und wies mich darauf hin, dass diese Information der Gegenstand eines weiteren Handels wäre. Er konnte aber zunächst nur diesen einen mit mir eingehen, weil er die Richtigkeit meiner Information zunächst prüfen und einen Korvax umzubringen habe. Sollte meine Information nämlich falsch gewesen sein, so würde er mich zur Strecke bringen müssen. Zwei Handel dieser Art zur selben Zeit bargen also die Gefahr zweier wertloser Informationen. Und da man ein Lebewesen nur einmal umbringen könne, würde ich mich also in Geduld üben müssen. Darüber hinaus setzte er mich in Kenntnis darüber, dass Portalglyphen nur etwas für stinkende Gek-Kinder seien, nichts aber für erhabene Intelligenzen wie die Vykeen, bei denen jede Form von Komfort und Erleichterung als ein Zugeständnis an die Gek-Haftigkeit sei, die in jedem Leben schlummerte und gierig darauf wartete, von der Bequemlichkeit geweckt zu werden, um von ihrem Träger Besitz zu ergreifen.


    Er hatte großes Mitleid mit mir und sah kopfschüttelnd auf mein Multiwerkzeug. Ich musste es ihm geben, woraufhin er es mit seinen bloßen Händen zu einem Klumpen Metall zerdrückte, als hätte er Schnee in der Hand.


    „Tu mir einen Gefallen“, sprach er. „Nenne ein solches Werkzeug nie wieder Multitool oder ähnlich! Egal, was du damit anstellst; dir muss immer bewusst sein, dass du etwas vom Sein ins Nichts beförderst. Das muss eine Hauptaufgabe sein und die muss man ihm auch ansehen.“


    Er übergab mir daraufhin in feierlichem Ernst seine Waffe, schrieb ihr aber zuvor noch die unlöschbare Bezeichnung „Schöpfer des Nichts“ ein, damit ich nicht vergaß, was ich da mit mir herumtrug.


    „Wenn man den Erzählungen der Alten glauben darf, so lebte einst“, führte er aus, „auf einem Planeten eher in der unteren Hälfte von Euklid, lange bevor man diese Galaxie so bezeichnete, eine besonders verweichlichte Spezies, die man eigentlich eher als mit Intelligenz begabte Tierwesen bezeichnen musste. Die Angehörigen dieser Spezies bildeten sich eine Menge darauf ein, dass sie auf zwei Beinen gingen und in der Lage waren, für alles und jeden Zweck ein Multitool zu basteln. Leider vergaßen sie ein Multitool gegen ihren ärgsten Feind, die eigene und immer extremer werdende Gek-Haftigkeit, zu entwickeln. Schließlich gingen sie an ihren eigenen Erfindungen zugrunde. Dies nur zur Warnung, mein schmächtiger Freund! Und nun zieh‘ los, wie ich es dir gesagt habe. Ich habe keine Zeit zu verlieren, weil ich zwei Dinge zu erledigen habe, die keinen Aufschub dulden.“


    Mit diesen Worten packte er mich und warf mich vor die Tür, als sei ich ein benutztes Taschentuch. Meine neue Waffe war groß und schwer und traf mich, als sie hinterher geflogen kam. Ich raffte mich auf und ordnete mich. Draußen war zum Glück der letzte Sturm verflogen und mein Raumschiff auf dem Landefeld der Basis glänzte dunkellila vor einer aufgehenden Sonne. Ich versuchte meine neue Waffe an meinen Anzug zu hängen. Sie war unhandlicher als die alte. Aber sie glänzte in hellen Farben mit meinem Schiff um die Wette und verschaffte mir durch ihre pure Gegenwart ein merkwürdiges Gefühl der Sicherheit, dem noch etwas Heimeliges beigemischt war, für das ich aber keinen Ausdruck fand.


    Fortsetzung folgt ...

  • Hatte ich schon erwähnt, dass ich einst reich war?


    Es gibt ein Gesetz, demzufolge kein Individuum mehr als circa 4,3 Milliarden Units besitzen darf. Über das Zustandekommen dieser merkwürdigen Zahl gibt es eine Menge an Theorien. Die meisten von ihnen beinhalten komplizierte Umrechnungen von verschiedenen Währungen, in denen man vor der Einführung der Universal-Units bezahlt hatte. Mit der Erfindung von Teleport und Hyperraumsprung wurde das aber nicht nur überflüssig, sondern auch gefährlich. Denn schnell kamen findige Gek-Ganoven darauf, über einen intergalaktischen Währungstausch quasi mit nur einem einzigen Hyperraumsprung unvorstellbar reich zu werden. Dabei gingen quasi über Nacht ganze Systeme zugrunde, wovon noch heute feine Vielzahl der verlassenen und bis auf eine Notversorgung heruntergefahrenen Raumstationen der ersten Generation Zeugnis geben.


    Keiner weiß genau, welche Macht in der Lage war, eine Obergrenze an finanziellem Besitz festzulegen. Aber seitdem kann jeder in diesem Universum reich werden. Für die Versorgung mit Dingen, die man zum Leben benötigt, ist derart gesorgt, dass es sich für niemanden lohnen würde, hier Wucher und Preistreiberei zu betreiben. Daher weiß man in der Regel, dass ein Guthaben von 4,3 Milliarden Units, für die man bei guter Organisation einer eigenen Infrastruktur alle 100 Sonnenumläufe auf „Via Fiume“ einmal für die Länge eines Abendessens arbeiten muss, für jedes erdenkliche Bedürfnis mehr als ausreichend ist.


    Jedenfalls gilt das, solange sich dieses Bedürfnis in einem Rahmen von handelsüblichen Bedürfnissen bewegt. Geht es aber um Dinge, die man nicht an einer Handelsstation und bei fliegenden Händlern erstehen kann oder die sich selber herstellen lassen, unterliegen Dinge einem Gesetz, das man vor allem bei den Gek kennt, und von dem keiner weiß, woher es kommt. Ich nenne es das Gesetz der nackten Gier. Kommt man mit ihm in Berührung, merkt man schnell, dass Reichtum und Wohlstand zu einer Illusion zusammenschmelzen können.


    Lange Rede, kurzer Sinn: Weil es mir aussichtslos erschien, den Planeten Gamma VI auf eigene Faust zu finden, saß ich in einem Hinterzimmer der Systemstation von Aplistia, einem weithin bekannten und sehr florierenden Gek-System, mit einem Gek namens Kakvabarna an einem Tisch, der sich als Experte für Karten und dergleichen ausgab und der sich augen- und nasenscheinlich bemühte, allen erreichbaren Sinnen zu schmeicheln, obwohl er gerade dabei war, mich wie eine Saftfrucht auszupressen. Er hatte eine detaillierte Vorstellung von Anomalien und wusste um unsere Rastlosigkeit, die bei den meisten von uns zu einer beträchtlichen Menge an Units geführt hatte. Er wollte wissen, wie lange meine Erinnerung zurückreicht. Und als ich mit dieser Frage meine Probleme hatte, fragte er sehr gezielt weiter, ob ich mich an eine Zeit erinnern konnte, in der es noch keine Solarpanele gab. Ich bejahte dies. Er nickte verständig und fragte, ob ich mich auch noch dunkel an die Zeit erinnern konnte, in der alle Scanner von einem Augenblick auf den anderen die großen roten Kristalle auf Planeten plötzlich als verdichteten Kohlenstoff anzeigten und ob ich mit der Bezeichnung Heridium noch etwas anfangen könnte. Auch hieran erinnerte ich mich. Was sich für mich fast wie ein erleichterndes und therapeutisches Gespräch anfühlte, war in Wirklichkeit das eiskalte Kalkül eines Geschäftssinnes, der dabei war, den Ertrag auszuloten, den ich abwerfen würde.


    „Du bist schon sehr lange unterwegs und hast in dieser Welt eine Menge gesehen. Ich sehe in deiner Erscheinung und höre in deinen Worten dieselbe Ermüdung, die ich schon in vielen Kreaturen deines Schlages sah.“


    Ich nickte.


    „Du bist der Suche und des Wohlstandes überdrüssig, weil beide dir nicht sagen können, wer du bist.“


    Ich nickte wieder.


    „Und es zieht dich an einen Ort, von dem du dir ein Wissen versprichst, das mehr ist als Haben und Können. Du willst das Sein begreifen.“


    Nicken.


    „Ich kann dir helfen, möchte dich aber zunächst warnen. Du lebst in Gefahr. Du bist jetzt an einem Punkt, an dem du dich von Kräften angezogen fühlst, die weit über deinen Fähigkeiten stehen; Kräfte, die dich anziehen, weil du bei ihnen Antworten erwartest. Sie sind aber trügerisch. Es ist möglich, dass sie dich eher als Gefahr oder Ressource betrachten. Du solltest dich darum vom Atlas fernhalten und in Basen keine Archive mehr kontaktieren.“


    Ich bedankte mich.


    „Du kannst dir vorstellen, dass es nicht einfach für mich ist, einfach eine Portaladresse herauszugeben. Tue ich das, ist sie im Grunde für mich für immer wertlos. Darüber hinaus kann ich sie dir nicht einfach geben, ohne dafür zu sorgen, dass du ihren Wert für dein Dasein nicht nur verstehst, sondern auch spürst.“


    Ich verstand.


    „Darum werde ich ein gewisses Opfer von dir verlangen müssen. Die Portaladresse kostet deshalb 12 Milliarden Units, zahlbar in drei Raten.“


    Ich verstand nicht und fragte, wie das funktionieren sollte. Er erklärte mir mit einem überlegenen Lächeln, dass das seine Sorge sei. Die erste Rate würde er jetzt von mir erhalten. Für die zwei verbleibenden würden sich Partner mit mir in Verbindung setzen, indem sie mich bald auf der Basis aufsuchten, die ich auf Gamma VI zu errichten hätte. Ich würde dann Instruktionen erhalten.


    Ich gab ihm also vier Milliarden und erhielt die Adresse. Als ich mich von ihm entfernte, hörte ich sein schnatterndes Kichern und mir war, als wich mehr und mehr ein Nebel, der mich umgab und den ich aber nicht bemerkt hatte. Mit dem weichenden Nebel wurde mir klar, in was für einer Art von System ich mich eigentlich befand. Das Aplistia-System war nicht irgendein Gek-System. Es war ein recht altes System und dazu noch eines, in dem junge Gek zu Händlern und Handelsvertretern herangebildet wurden. Ein unauffälliges System mit seinen drei Planeten und einem Mond. Aber eines, in dem nichts dem Zufall überlassen wurde. Schon die Tatsache, dass der Kartenhändler mich nach hinten in einen Extraraum gebeten hatte, hätte mich stutzig werden lassen müssen. Aber wer weiß, wie weit ich da schon unter dem Einfluss von Pheromonen stand, die meine Entschlusskraft schwächten. Das System repräsentierte die pure Gier sowie die Bestandteile, aus denen die Habgier der Gek ihre Kraft bezog. Und in entsprechender Weise waren auch die Planeten gestaltet und benannt. Die Gek wollten offensichtlich hier ein galaktisches Exempel statuieren und haben ein ganzes System wie eine Allegorie gestaltet. Die Planeten waren wie das System auch in einer alten Sprache bezeichnet, die schon seit unzählbaren Zeiten niemand mehr sprach und die man bei den Gek als eine Art Chiffre zu verwenden schien. Ich würde noch herauszufinden haben, wofür eigentlich der Dunst-Mond „Typhos“, die Eis-Planeten „Sophrosyne“ und „Enkratia“ sowie der unwirtliche Planet „Hypokrisia“ standen. Aber für den Moment reichte es mir und ich war begierig darauf, endlich an den Ort zu gelangen, wo mir hoffentlich das gewünschte Schiff begegnete.


    Fortsetzung folgt ...

  • Zurück auf Neu:Felikey aktivierte ich „mein“ Portal. Obwohl ich das schon unzählige Male getan hatte, erfüllte es mich immer noch mit einer gewissen Furcht, das zu tun. Portale mussten uralt sein und noch nie war ich jemandem begegnet, der diese Technologie vollends verstand. Sie zeigten einem, was man zu tun hatte, damit sie sich in Gang setzten. Alle Elemente, die man in sie hineingab, erklärten nicht annähernd die energetische Gewalt, mit der sie Tore zu anderen Welten schufen. Die Quelle dieses Könnens musste woanders liegen. Und doch vertraute man diesen … Maschinen. Sie taten von Anfang an, was sie einem offerierten und noch nie wurde bekannt, dass sie jemandem etwas angetan hatten, indem sie ihn etwa in das Nichts laufen ließen, was sie ohne Zweifel hätten tun können. Allerdings muss an dieser Stelle auch die Frage gestellt werden, ob man von jemandem, der von Portalen ins Nichts geschickt wurde, überhaupt jemals hätte hören können. Ich füllte alle geforderten Elemente in die Maschinerie und erwartete wieder einmal den bohrenden Lärm und den blauen Plasmanebel, den man betrat, um am Ende auf Gamma VI zu landen … sicherlich.


    Gamma VI war freundlich, fast, als hätte man ihn für meinesgleichen geschaffen. Ein sprudelnder Planet, der keine Stürme kannte. Beinahe zu belanglos, um Zeit für den Basenbau zu investieren. Das Portal war hier ungewöhnlich. Es tat seine Arbeit wie alle Portale, ragte aber zur Hälfte aus einem Felsen heraus, als sei es von den Erbauern mehr provisorisch und vielleicht schon etwas in Eile errichtet worden. Es gab Gerüchte davon, dass sie allesamt von einer untergegangenen Zivilisation stammten, die sie sowohl als galaktische Eroberungsmaschinen, aber eben auch als Fluchtmittel benutzen wollten. Es musste in dieser Galaxie einst heftige Kämpfe gegeben haben. Davon zeugen sowohl die überall in Euklid verstreuten und primitiv anmutenden Ruinen als auch die vielen doch sehr fremdartigen Technologiefragmente, die man überall finden konnte. Zum Glück hatte das Portal mich nicht auf der Seite ausgegeben, die im Felsen steckte.


    Ich stieg in mein Schiff und tat das, was ich bei neuen Planeten häufig tat. Ich warf die Triebwerke an und ließ mich in geringer Höhe treiben. Dieser Planet war angenehm, gab sich aber keine Mühe, mir wirklich zu gefallen. Hügellandschaften wurden von weiten Meeren durchbrochen. Diese wiederum waren von zahllosen Inseln übersät. Ich entschied mich für die Abgeschiedenheit einer solchen Insel und plante, auf einer von ihnen eine möglichst klobige und weithin sichtbare Basis zu errichten. Es war wie immer ein Kinderspiel. Man plante, was man sehen wollte, und ließ eine komplexe, aber kraftvolle Technologie die Herstellung und das Platzieren aller Basiselemente erledigen. Nicht selten war der erste Entwurf eher interessant als effektiv. Und so war es wohl auch dieses Mal, dass meine nervöse Erwartung unbekannter Gäste, die ein mafiöser Gek mir schicken wollte, an der Konstruktion beteiligt war. Als brauchte ich einen Schutz, entwarf ich ein riesenhaftes Labyrinth mit Fluchträumen und Ablenkungen, die mir im Falle eines unfreundlichen Besuchers Sicherheit boten. Ich richtete die Basis sogar so aus, dass das auf der Landeplattform stehende Raumschiff mich im Zweifelsfall genau zum Portal bringen würde, ohne dass ich lenken oder sonst wie navigieren musste. Ich versprach mir davon, dass eine etwaige Flucht auf diese Weise planlos und übereilt wirken musste und Verfolger zur Unvorsicht bei der Verfolgung verleitete, wodurch meine Chance, spurlos durch das Portal zu entkommen, stieg.


    Es kam anders und zeigte mir, dass die Gek nicht nur schlauer waren als ich, sondern auch mit allen Wassern gewaschen – in jedem Falle aber nicht lebensgefährlich, solange man sich an die vereinbarten Spielregeln hielt.


    Fortsetzung folgt ...

  • An einem Tag, als ich mal wieder unsichtbar in einem Separee saß und unschuldigen Besuchern durch halbdurchsichtige Wände dabei zuschaute, wie sie sich in meinem Labyrinth verloren, näherte sich ein Transportschiff, das eine deutlich sichtbare Rauchwolke hinter sich herzog. Es landete wackelig und konnte von der automatischen Steuerung der Landeplattform nur mühevoll an seinen Platz navigiert werden. Es schwebte dabei eine ganze Weile mannshoch über der Landeplattform, driftete hin und her, als könne die Fernlenkung die Verbindung zu den Seitentriebwerken nicht halten. Der in die Technik der Plattform eingeschriebenen Plan B schien zu greifen. Er sieht im Notfall vor, die schadhaften Düsen zu ignorieren und das Hin-und-her-Driften des Schiffes solange abzuwarten, bis es an der richtigen Position für die Einleitung eines kontrollierten Absturzes war, um dann die Triebwerke abzuschalten. Ich richtete mich darauf ein, Feuer löschen und einen verletzten Piloten bergen zu müssen. Der Aufprall war in der Tat hart und konnte nicht ohne Folgen geblieben sein. Darum eilte ich zu der Plattform. Das Raumschiff war, als ich ankam, gerade dabei, sein Feuer selbstständig zu löschen. Durch die Cockpitscheibe sah ich den Körper eines sehr kleinen Gek reglos in den Sicherheitsgurten hängen. Noch während das Feuer gelöscht wurde, beamte das Raumschiff den Insassen mit dem Ausstiegsbeamer auf die Landfläche. Der noch im Sitzen verharrende Körper sackte sofort in sich zusammen. Er war für einen Gek wirklich sehr klein, so dass ich ihn in einen Raum tragen konnte, um ihn zu versorgen. Da er untypischerweise nach nichts roch, hatte ich Bedenken bezüglich seiner Überlebenschancen und fragte mich, wie man eigentlich mit einem toten Gek umgehen musste.


    Ich will meinen Bericht an dieser Stelle kurzfassen, um mein umfassendes Scheitern und meinen Reinfall beim Schreiben nicht noch einmal durchleben zu müssen. Alles, wovon ich gerade berichte, war Teil perfider Manipulationsstrategien der Gek. So wie die Vykeen im Laufe der Jahrtausende eine überragende Kriegerintelligenz entwickelt hatten, war den Gek eine ebenso hohe und weitentwickelte Händlerintelligenz zu eigen. Und während ich dies schreibe, bekomme ich eine Ahnung davon, in welcher Art von Gleichgewicht, vielleicht ist es auch eine Erstarrung, sich dieses Universum befindet, in dem sich drei uralte Intelligenzen so eingerichtet haben, dass es zu keinen größeren und unkalkulierbaren Einschnitten kommen kann.


    Das brennende und notlandende Raumschiff, der dem Tode nahe und schwächliche Gek-Körper, dessen Geruchslosigkeit – all das hatte nur ein Ziel: Die Gek kennen unseren Hang zu Empathie und Hilfsbereitschaft. Sie kennen unser Bedürfnis, Nähe zu Gleichartigem herzustellen. Und so manipulierte mich der ferne Gek, bei dem ich nun Schulden hatte, auf doppelte Weise, indem er mich dazu brachte, für seinen kleinen Handlanger Partei zu ergreifen und ihm gegenüber Vertrauen zu entwickeln, weil das pheromonische Manipulationsmittel, der Duft der Gek, dieses Mal fehlte.


    Lieber Leser! Verstehst du, was ich gerade sage? Die Intelligenz der Gek sieht vor, dass ein Handlanger kein Problem damit hat, der Bauer in einem Schachspiel zu sein. Und wenn einem Gek die Rolle zukommt, der sklavenhafte Geldeintreiber für einen im Hintergrund agierenden Boss zu sein, für den man 99 Prozent des eigenen Finanzdepots vorhält, so ist das für ihn eine ebenso ehrenhafte Aufgabe wie das Fungieren als Bauernopfer. Was für uns Anomalien selbstverständlich ist, nämlich jemand zu sein und einen individuellen Wert zu besitzen, ist etwas, für das die Gek keinen Begriff haben; zumindest keinen, den sie für sich reklamieren würden. Das ganze Streben der Gek besteht in der Anhäufung von Reichtum und in der Perfektionierung ihrer Fähigkeit zur Manipulation. Und die Manipulation ist bei ihnen kein Mittel zum Zweck, sondern purer Selbstzweck, der bei ihnen den Status einer Kunstform, eines Lebensstils hat.


    Es kam also, wie es kommen musste: Der kleine Gek in seiner Hilflosigkeit brachte mich dazu, sein Raumschiff und seinen Anzug wiederherzustellen. Seine vorgespielte Angst vor seinem Quasi-Besitzer brachte meine Unterschrift unter einen Vertrag, mit dem ich mich dazu verpflichtete, meine Basis mit einem übergroßen Feld an Biokuppeln mit einer festgelegten Anzahl an Pflanzen und Sorten auszustatten, an denen sich die Handlanger des Obergek solange bedienen durften, bis meine Schulden abgetragen waren. Der kleine und „wehrlose“ Gek hielt sein Schauspiel bis zuletzt durch, schleppte sich wie ein Angeschlagener in sein Raumschiff und ließ sich von mir sogar die automatische Steuerung mit dem Ziel der lokalen Raumstation einstellen.


    Liebe Mit-Anomalie! Wenn du das hier also liest, lass dich gewarnt sein. Die Gek sind gerissener, als sie uns glauben machen wollen. Und sollten sie einmal bewusst auf ihre üblichen Vernebelungstaktiken verzichten, dann ist das ein Zeichen höchster Gefahr!


    Da saß ich also vor meinem Labyrinth und schämte mich vor mir selbst, als ich nach und nach realisierte, was mich ereilt hatte. Ich riss meine Basis ein und baute die gewünschte Anzahl an Biokuppeln, womit ich mehr als unzufrieden war. Mein beschädigter Stolz war es, der mir nahelegte, die Kuppeln mit etwas zu umgeben, das mein Werk war und die Kuppeln eher wie ein Beiwerk aussehen ließ. Es war eine Menge an edelstem Steinwerk nötig, um die Kuppeln, den Ausdruck meiner Schmach, mit einer palastartigen Anlage, dem Ausdruck meines trotzigen Stolzes, zu überdecken. Ich stellte meine Kunstfertigkeit über die Kultur von Rohstoffen und nannte das Ganze mit einer gewissen Genugtuung den „Kulturpalast“.


    Fortsetzung folgt ...

  • Alles in allem war ich aber guter Dinge. Hier auf Gamma VI waren die Bedingungen zuträglich und das Dasein stressfrei. Ich verbrachte viel Zeit damit, auf einer Dachterrasse zu dösen und den Schiffen bei ihrem Kommen und Gehen zuzuschauen. Mit dem einen oder anderen Piloten tauschte ich mich aus, so dass hier nie ein wirkliches Gefühl der Einsamkeit entstand. Im Gegenteil: Die umherziehenden Piloten hatten im Gegensatz zu den Kreaturen auf den Raumstationen etwas Lebenswarmes in ihrem Wesen und unterschieden sich kaum in ihren Gemütern. Es lag vielleicht daran, dass sie ähnliche Dinge auf ihren Wegen sahen, mit ähnlichen Vorkommnissen zu tun hatten und sich häufiger auf dem Boden von Planeten aufhielten als die Kreaturen, die ihren festen Sitz im All hatten.


    Der fortgesetzte Kontakt mit Planeten machte etwas mit einem. Im All hatte man es im Wesentlichen mit Nichts und Leere zu tun und auf der anderen Seite mit einer Menge an Dingen, die von irgendeiner Intelligenz geschaffen worden waren. Planeten umgaben einen mit einer bisweilen überwältigen Fülle an natürlichem Sein, solchem Sein also, an dem niemand etwas geschaffen hatte. Sie waren da, sie stellten einem keine Schranke auf, luden aber auch nicht ein. Sie umgaben einen und damit erfüllten sie einen auch. Bald schon, und das war bemerkenswert, zeigten sie einem so etwas wie eine Persönlichkeit, mit der man im Austausch war. Und demgemäß konnte man davon ausgehen, dass jede Persönlichkeit irgendwo einen Planeten hatte, der zu ihm passte. Nicht selten hörte man von Individuen, die sich auf einem unwirtlichen Planeten niederließen, der jedem Piloten ein Kopfschütteln verursachte. Aber vielleicht gab es Gemüter, die eine durchschnittliche Temperatur von 300 Grad und beständige Feuerstürme und Meteoritenschauer nötig hatten, so wie andere sich in kargen Welten ohne jede Atmosphäre … wiederfanden.


    Die Raumpiloten wussten das und schienen diese Ahnung zu haben, dass das Leben immer einen natürlichen Himmelskörper brauchte, auf dem es zu dem werden konnte, was es war. Viele von ihnen bezeichneten sich als Reisende. Ich fragte mich oft, ob man sie nicht als Suchende bezeichnen sollte; als Suchende nach einem Ort, an dem sie zur Ruhe kommen konnten. Die Piloten, die hier auf Gamma VI landeten, hatten alle diese Wärme im Blick. Ich meinte diese sogar bei den Korvax zu entdecken, die hier vorbeikamen. Der Planet hatte nichts Aggressives und viele Piloten fragten verwundert, ob es hier wirklich niemals stürmte.


    Und jetzt an dieser Stelle muss ich etwas sagen, das mir wirklich schwerfällt. Der Anlass, weshalb ich hier war, bestand natürlich fort, auch wenn ich ihn in manchen Augenblicken fast vergaß. Ich wartete auf eine Rasamama. Sie war der einzige Grund, weshalb ich hier verweilte. Und ich fragte mich, ob ich meine Basis nach Abschluss des Deals auch dann noch behalten würde, wenn nicht die Forderung von Kakvabarna, dem gierigen Gek, fortdauern würde. Und aufgrund der so hohen Bedeutung, die dieses Schiff für mich hatte, erwartete ich, dass der Kauf oder Tausch oder was auch immer mit einem inneren Feuerwerk einhergehen würde. Ich ging davon aus, dass dieser Tag einen besonderen Platz in meinem Gedächtnis erhalten und dass ich das Schiff mit zitternden Fingern in „Rasamama“ umschreiben würde.


    Es kam anders und fast schäme ich mich, dass ich nicht mehr dazu schreiben kann. Es landete eines Tages eine Rasamama der B-Klasse mit spärlicher Ausstattung und zugegebenermaßen wenig ansprechender Farbgebung. Der Besitzer, ein etwas übergewichtiger Gek, stand neben seinem Schiff, um ein paar Asteroidenkratzer zu begutachten, als ich ihn ansprach und fragte, ob sein Schiff zum Tausch oder Verkauf stünde. Er bejahte und fragte, was ich zu bieten habe. Ich zeigte auf meine „Pugno“. Er fragte, ob es flugtauglich sei. Ich bejahte und fragte, was er wolle. Er meinte lakonisch, dass wir tauschen könnten. Ich willigte ein und er flog bemerkenswert uneuphorisch mit meiner „Pugno“ davon.


    Fortsetzung folgt ...

  • Das war’s. Da stand ich nun neben meiner Gebraucht-Rasamama und bemerkte, wie schnell der Handel vor sich gegangen war; so schnell, dass ich nicht einmal die grundlegenden Symptome der Nervosität hatte entwickeln können. Mehr zu berichten bekam ich dann wieder später. Das neue Schiff war so schwach im Getriebe, dass ich es kaum von Gamma VI wegbekam. Eine Reihe der Systeme war funktionsuntüchtig und der Vorbesitzer hatte sich damit offensichtlich arrangiert. Schutzschilde, Warpantrieb und Waffensysteme waren beinahe noch auf dem Stand kurz nach deren Herstellung. Scanner und Funksysteme waren sogar noch gänzlich auf Werkseinstellung und somit auf sparsamsten Funktionsniveau. Spuren von Gesteinseinschlägen und Hitzeeinwirkung auf der Oberfläche der Außenhaut zeugten davon, dass man mit diesem Schiff nicht immer rücksichtsvoll umgegangen war. Mir war klar, dass dieses Schiff kein Jäger war. Äußerlich vielleicht. Mir erschien es eher wie eine Raumkapsel, an die man notdürftig Flügel montiert hatte. Aber egal! So hatte ich zu tun und musste sehen, was sich mit der Zeit aus diesem Schiff würde machen lassen.


    Mein Glück war es, dass ich mich beim Ausbau von Schiffen schon immer zuerst um die Schilde und einen guten Impulsantrieb gekümmert hatte. Ich hätte sonst diese Zeilen hier niemals verfassen können. So war ich in einem leichten Vorteil, als eines Tages geschah, was geschehen musste. Ich befand mich in der Nähe der Raumstation von GMS Gamma, dem System, in dem Gamma VI lag, als die Überwachungssysteme meines neuen Schiffes aufschrien. Das Schiff, wenn man das so sagen kann, hatte in der Tat einen etwas nervösen Grundcharakter. Es startete immer etwas wackelig und verstärkte dies auf temperamentvolleren Planeten. Bei der Höhenkontrolle wurde es bisweilen unzuverlässig, wenn ein System mehr als eine Sonne hatte bzw. wenn es in unmittelbarer Nähe eines Planeten einen Mond oder einen weiteren Planeten gab. Daher hatte ich auch irgendwann davon abgesehen, dem Schiff den Namen „Rasamama“ zu geben und die Namensgebung vertagt. Mir schien das angesichts meiner abweichenden Erinnerungen an meine erste Rasamama angemessen.


    Das Schiff schrie also auf, weil mich augenscheinlich jemand ohne gute Absichten scannte. Die Tatsache, dass es keine Anzeige gab, die mir mitteilte, welcher Teil meiner Ladung den Anlass für das Interesse des Piraten darstellte, führte ich auf die Unzuverlässigkeit des Überwachungssystems zurück und bereitete mich auf eine Flucht vor, die mich hoffentlich rechtzeitig in die Raumstation brachte. Ich steuerte also auf die Einflugschneise der Station zu und wollte gerade den Impulsantrieb anwerfen, als ein Frachter aus dem Hyperraum kam und den Weg zur Raumstation versperrte. Eine nachkommende Fregatte erschien kurze Zeit später und hätte mich fast pulverisiert, weil sie zu nah und mit lautem Knall aus dem Hyperraum platzte. Mein Schiff schepperte und schrie abermals auf, verhinderte aber brav, dass ich mit Impulsgeschwindigkeit durch den Frachter flog, indem es die Triebwerke sofort ausschaltete.


    Schließlich meldete sich das Funksystem. Kaum hatte ich es aktiviert, bellte eine bekannte Stimme durch mein Cockpit. Der Vykeen, dem ich die Information über die Schwachstelle der Korvax gegeben hatte, tobte und war außer sich. Er wusste, dass ich in der Falle saß und ihm ausgeliefert war. Ich wagte nicht, meine Hand an die Steuerung zu legen und ließ mein Schiff treiben. Dabei war ich froh, dass es nicht auf den Frachter zu, sondern etwas aufwärts trieb. So brauchte ich nicht regulierend eingreifen und vermied eine unnötige Provokation. Der Vykeen brüllte überdeutlich und erklärte mir die Lage aus seiner sehr ultimativen Deutung der Situation heraus. Er klärte mich darüber auf, was jetzt folgen würde. Die Information, die ich ihm gegeben hatte, sei wertlos und falsch gewesen. Korvax ließen sich nicht zerstören, denn sie könnten eine ernstgemeinte von einer nur dem Worte nach vorgetragenen Information unterscheiden. Die einzige wirkliche Funktionsstörung könnte also nur von Kreaturen kommen, die es mit ihrer eskapistischen Absicht ernst meinten. Noch lauter wurde er, als er mir die Folge seines gescheiterten Versuches mitteilte, einen Korvax zu desintegrieren. Sofort hätten sich wohl alle weiteren Korvax-Entitäten in der Nähe gruppiert und wollten sich an seinem Schiff zu schaffen machen, was er nur dadurch hatte verhindern können, indem er einen ahnungslosen Gek mit vorgehaltener Waffe zum Schiffstausch gezwungen hatte und kurzerhand die Flucht antrat. Er verdeutlichte ferner, welch Ehrenverlust es bedeuten würde, wenn ein Vykeen-Krieger mit einem Gek-Schiff flüchten musste. Schließlich versicherte er mir noch, dass es ihm leidtun würde; nicht um mich, sondern um die edle Waffe, die ich bei mir trug, weil auch sie nun leider ihr Ende finden und mit mir zusammen untergehen würde. Ich hörte noch das Klicken, bevor seine Stimme verstummte, welches mir bedeutete, dass der Vykeen seine Raketensteuerung scharfgestellt hatte. Ich hatte nur noch wenige Sekunden, dann würde es um mich geschehen sein. Glücklicherweise hatte das Aufwärtstreiben meines Schiffes mich über den Frachter gebracht, so dass ich den Eingang der Raumstation wieder vor Augen hatte. Für einen Fluchtversuch war die Distanz zu groß und so blieb mir nur noch der Weg mit einer ebenfalls geringen Überlebenschance. Aber wenigstens hatte ich auf diese Weise noch eine: Ich gab vollen Schub und zwang den Vykeen zu einer Kurskorrektur, was mir etwas Zeit verschaffte. Gleichzeitig setzte ich meine ganze Hoffnung auf die Reichweite meiner Photonenkanone und feuerte in die Einflugöffnung der Station. Zum Glück landete ich ein paar Treffer, die ausreichten, um die Systemverteidigung zu aktivieren. Sie startete sofort, um Jagd nach mir zu machen. Mein Schiff reagierte prompt und überraschte mit einer beeindruckenden Wendigkeit, die reichte, um den Frachter wieder zwischen mich und die Station zu bringen. Es geschah, was ich erhofft hatte: Die Ordnungshüter der Station trafen den Frachter, der sich in diesem Augenblick als Eigentum des Vykeen erwies. Denn dieser eröffnete noch kein Feuer auf mich, sondern versuchte den offensichtlich noch unerfahrenen und nicht in alle Eventualitäten eingewiesenen Frachterkommandeur über Funk von einer großen Dummheit abzubringen. Offensichtlich zu spät, denn der Frachter tat, was ein Frachter mit aktiver automatischer Verteidigung eben tat. Er eröffnete das Feuer und schoss auf die Jäger der Systemverteidigung, die damit ihren Fokus auf die in diesem Augenblick größere Bedrohung lenkte und zurückschoss. Ich kam mir fast etwas übermütig vor, als ich es mit dem immer noch in sein Mikrophon brüllenden Vykeen ähnlich tat, unter den Frachter flog und von dort aus den Vykeen mit einem – nur einem einzigen – kurzen Schuss auf sein Schiff provozierte. Er gab sofort vollen Schub, um mir zu folgen, und schoss auf mich. Mir gelang es zum Glück, unter dem Frachter hindurch zu tauchen und zwischen die inzwischen sehr zahlreich gewordenen Systemverteidigungsjäger zu fliegen, die von den Salven des Vykeen getroffen wurden, die eigentlich mir galten. Der Vykeen flog durch seinen Scann meines Frachtraums noch mit einer Signatur, die von der nicht besonders intelligenten, aber aggressiven Systemverteidigung offensichtlich als eine Piratensignatur verstanden wurde. Das verschaffte mir Zeit. Alle Konzentration war jetzt auf den Vykeen und den Frachter gerichtet. Sie würden sich erst nach Abschuss des Vykeen oder nach dessen erfolgreicher Flucht wieder um mich kümmern. Also gab ich allen Schub, zu dem mein Schiff in der Lage war, und hielt auf die Station zu. Es war der Moment, in dem mich der Traktionsstrahl für die automatische Landung erfasste, als ich hinter meinem Schiff einen hellen Blitz über dem Frachter sah; eine Explosion, wie sie nur ein bis unter den Rand mit Munition beladenes Schiff eines kampfwütigen Vykeen-Kriegers erzeugen konnte.


    Fortsetzung folgt ...

  • Dass ich mit dem Eintritt in die Raumstation in Sicherheit war, wusste vielleicht mein Kopf. Aber der Leib brannte unter meinem Anzug und ließ mich kaum bis zum Ende des Landevorgangs warten. Ich sprang aus dem Raumschiff ohne den Ausstiegsbeam zu benutzen und landete hart auf den Beinen, ignorierte aber den Schmerz und rannte los, als ginge es immer noch um mein Leben. Ich rannte kopflos zum Teleporter und startete ihn wieder ohne Zielwahl. Es war wie ein Sprung ins Nichts, in den rettenden Zufall, der mich geraden Wegs zurück nach Neu:Felikey in meine Basis brachte.


    Auf Schiffe hatten Planeten offensichtlich nicht dieselbe Wirkung wie auf Lebewesen. Mein neues Schiff hatte also seine Feuertaufe bestanden und stand etwas einsam auf einer meiner sechs Landeplattformen. Und obwohl die Triebwerke nur im Standmodus liefen, erzeugten sie einen solchen Vortrieb, dass das Schiff sich auf der Plattform langsam nach vorne zu schieben schien und ich es abschalten musste. Was hatte ich mir da nur ans Bein gebunden? Ein Jäger, der wenig nach Jäger aussah und sie wie ein Gejagter verhielt, auf atmosphärische Schwankungen wie eine zänkische und wetterfühlige Großmutter reagierte und so leicht war, dass Start und Landung ähnlich ruckartig vor sich gingen wie der Aufprall eines Insektes auf einer Fensterscheibe. Ich verabschiedete mich von der Idee, das Schiff als Rasamama zu bezeichnen und gab ihr den endgültigen Namen „Die Gestresste von Britaba II“. Dieser Name sollte mich immer daran erinnern, wo ich mit diesem Schiff starten würde und was man von einem Schiff halten konnte, das hier auf diesem Planeten nervös wurde.


    Fortsetzung folgt ...

  • Kapitel 2 – Fort in die Wirklichkeit

    Bevor es endgültig losgehen sollte, verschaffte ich mir noch ein wenig Zeit. Ich bildete mir ein, dass ich noch einige Dinge zu erledigen hatte. Aber in Wahrheit war noch ein Rest an Unentschlossenheit in mir. Immerhin war ich im Begriff, zu einer verrückten Reise ins Ungewisse aufzubrechen. Ich war im Begriff, all meinen Wohlstand hinter mir zu lassen und mit dem Nötigsten auszukommen. Und was hatte ich bis jetzt schon an Außerordentlichem erlebt? Ich hatte die Gier der Gek an eigenem Leibe erfahren sowie ihre Kunst, mit der sie einen sehr lange an sich binden konnten. Ich hatte eine Korvax-Störung erlebt und war außerdem fast von einem Vykeen zur Strecke gebracht worden.


    Angesichts dieser Strapazen schon in der Phase der Vorbereitung brauchte ich Sicherheit in meinem Entschluss. Ohne einen solchen wäre es Unsinn, einen Fuß vor Britaba II zu setzen.


    Ich schrieb etwas Naheliegendes auf meine Todo-Liste und schuf mir gleichsam ein Motto für meine Reise. Es ging mir um Wahrheit. Ich wollte weg von all den Ablenkungen, weg von den scheinbar wichtigen Zielen und Zwecken, die man ständig verfolgte. Ich wollte erfahren, was wirklich von Bedeutung war, fort in die Wirklichkeit.


    Ich fasste daher den Entschluss, Zeugnis zu geben und Denkmäler der Bedeutung und Wirklichkeit zu hinterlassen, wo ich das Gefühl hatte, dass es für alle Lebensformen des Universums etwas zu verstehen gab. Und obwohl der Vykeen-Krieger mein Lebenslicht auslöschen wollte, hatte ich das Gefühl, bei ihm einen Anfang machen zu müssen. Er hatte mich etwas verstehen lassen, das mir vorher nicht klar war: Ich hatte einen Einblick in die Kraft einer Jahrtausende alten Denkweise erhalten, die mir immer primitiv und animalisch erschien. Und ich hatte lernen dürfen, dass auch diese mir fremde Denkungsart ein System von Bedeutungen hatte hervorbringen können, zu dem eine ganz eigene Gruppe von Wahrheiten gehörte und in dem sich nur eine Intelligenz zurechtfinden konnte, deren Entstehung ebenso lange gedauert hatte. Diese Kultur funktionierte und erhielt sich über eine lange Zeit. Und ich hätte von ihrem Sicherheitsversprechen sogar profitieren können, wenn ich nicht mit einer falschen Information gehandelt hätte. Anders ausgedrückt: Ein wahres und gutes Wissen war einem Vykeen so viel wert, dass er sein Leben als Gegenwert dafür einsetzte. Die Kultur erhielt sich also dadurch, dass jedes ihrer Mitglieder beständig am Limit einer 50-zu-50-Chance von Leben und Tod lebte. Ein andauerndes instabiles Leben am Abgrund für den Gegenwert eines stabilen Maßes an Ehre und Selbstwert.


    Mir tat der Vykeen leid, doch stieg bei dieser Einsicht das Ansehen der Vykeen vor mir in demselben Maß, in dem das der Gek bei mir in der letzten Zeit abgenommen hatte.


    Ich startete und flog zum garantiert letzten Mal ins Padua-System, um dem Vykeen auf seinem Zufluchtsplaneten „Via Fiume“ ein Denkmal zu errichten. Meine Mittel hierzu waren begrenzt, aber mir gelang es, ganz in der Nähe seiner Behausung, die irgendjemand inzwischen mit starken Schlössern und vierbeinigen Kampfrobotern gesichert hatte, auf einem hohen quadratischen und hohlen Felsen ein Denkmal zu errichten, das jedem Besucher verdeutlichen würde, worin das Leben eines Vykeen in jedem Augenblick eigentlich bestand. Mir ging die Arbeit an dieser Vorstellung gut von der Hand. Denn der Felsen des Denkmals war ebender Felsen, von dem mich einst bei meinem ersten Besuch bei diesem Vykeen der Sturm aus kochendem Wasser heruntergefegt und wie nichts durch die Luft gewirbelt hatte.


    Ich war zufrieden. Ich hatte etwas getan, das ich noch nie zuvor getan hatte. Alles, was ich bisher geschaffen hatte, erfüllte einen konkreten Zweck, der im Wesentlichen auf mich und mein Dasein bezogen war. Jetzt aber hatte ich etwas geschaffen, das über mich hinaus wies und einen Zweck hatte, der von mir unabhängig war. Jeder, der hier landete, würde seine eigene Begegnung mit diesem Ort haben. Und wenn alles gut ging, so bekam er eine Idee von einem besonderen Leben. Und wenn es besser ginge, würde er sich vielleicht sogar die Frage stellen, ob man dieses Leben wollen sollte.


    Ich zögerte nicht lange und flog weiter. Es gab noch einen anderen Punkt auf meiner Todo-Liste. Ich war überzeugt, dass ich mit dem Aplistia-System nicht nur irgendein Gek-System entdeckt hatte, sondern eine Art ideologisches Zentrum, vor dem man warnen musste und das sich aber auch dazu anbot, dass man es benutzte, um allen, die hier vorbeikamen, die wahre Bedeutung all dessen zu zeigen, das für die Gek notwendig war, um die Habgier befriedigen zu können.


    Fortsetzung folgt ...

  • Im Aplistia-System angekommen, merkte ich, dass ich müde war und wahrscheinlich schon sehr lange nicht mehr geschlafen hatte. Ich hielt mich in möglichst großer Entfernung von der System-Station, denn ich wollte es vermeiden, dass dort jemand die Signatur meines Schiffes sah und bemerken konnte, dass ich bereits schon einmal hier war. Für einen Nicht-Gek war es wahrscheinlich eher unüblich, mehr als nur einmal hier aufzutauchen. Schließlich steuerte ich Typhos an, einen kleinen und sehr dunstigen Mond, der sich immer ein wenig hinter Sophrosyne, seinem Planeten, verbarg und deshalb für ein ungestörtes Nickerchen geeignet erschien.


    Nahe der Oberfläche ging ich auf eine Höhe, die mir optimal erschien, um mich ein wenig treiben zu lassen und Ausschau nach einer geeigneten und sicheren Stelle für einen kurzen Schlaf zu halten. Der Planet zeigte mir ein vertrautes Gesicht, das ich schon häufiger gesehen hatte. Der Oberflächenscan gab an, dass es sich um einen dunstigen Himmelskörper mit gelegentlichen Hitzestürmen handelte. Ich wusste, was das bedeutete. Hier war es dermaßen feucht, dass sich der Schutzmechanismus des Anzuges regelmäßig nicht entscheiden konnte, ob er die Versorgung mit Atemluft aus der Versorgung des Anzugtanks nehmen oder auf die Versorgung durch die durchaus sauerstoffgesättigte Atmosphäre des Himmelskörpers umschalten sollte. Bisweilen sprang die Anzeige auf solchen Planeten sogar um und zeigte einem an, dass man gerade unter Wasser war.


    Unter mir zog die Oberfläche von Typhos vorbei. Ein Mond mit einer für diesen Himmelskörpertyp ungewöhnlich starken Gravitation. Er war nicht nur stark genug, um Wasser und Feuchtigkeit zu halten, sondern ebenso besaß er eine Atmosphäre aus atembaren Gasen. Durch den Nebel, der den gesamten Mond einhüllte, sah man eine üppige, wenn auch wenig vielfältige Vegetation. Die Oberfläche war hügelig und durch außerordentlich viele und monströse Hölleneingänge durchbrochen. Bei einem derart mit Bedeutung aufgeladenen System hätte es mich nicht gewundert, wenn alle diese Himmelskörper hier künstlich entstanden waren. Das hätte die spärliche Vielfalt der Vegetation erklärt wie auch die zu unregelmäßige Oberfläche, die man von Planeten mit misslungenem Terraforming kannte. Dass er auf dem Scan allerdings nicht als ein solcher angezeigt wurde, passte zu den Gek, die ihre Mittel und Wege hatten, solche Missgeschicke zu vertuschen, die ein schlechtes Licht auf ihr handwerkliches Können zu werfen drohten.


    Ich erschrak, als ein leichter Ruck durch die Gestresste ging. Grund war der plötzlich vor mir auftauchende gewaltige Turm eines planetaren Archivs. Kurz flog mich der Gedanke an, dass man meine Anwesenheit jetzt sicher registriert hatte. Aber ich war ja bei den Gek und nicht bei den dauervernetzten Korvax. Der Informationsaustausch bei den Gek war langsamer. Sie waren in ihrem ganzen Bau und Wesen auf den Bereich unmittelbarer Konversation ausgerichtet. Ihre Aufmerksamkeit reichte in der Regel so weit wie ihre Duftwolke, mit der sie sich immer dann umgaben, wenn sie mit bloßen Worten alleine nichts zu erreichen glaubten. Ihre ganze Art zu denken und zu leben war eigentlich sogar das genaue Gegenteil der Korvax. Sie waren von Grund auf egoistisch. Ihre Kultur funktionierte, weil sie sich gegenseitig auf ihren Egoismus verlassen konnten und weil jeder Gek es letztlich sogar als eine (ganz egoistisch) empfundene Ehre empfand, einen Platz am unteren Ende einer Hierarchie zu haben, die einem mächtigeren Gek nutzte. Wissen, das von allgemeinem Interesse war, kannte der einzelne Gek eigentlich nicht. Informationen waren für ihn eine Handelsware. Allgemeines Gek-Wissen wurde nur in Archiven und antiken Stätten aufbewahrt, von denen keiner so recht wusste, wer eigentlich entschied, was hier landete.


    Ich beschloss, bei dieser Station runterzugehen, weil es mir ungefährlich erschien. Ich setzte die Gestresste auf keine der Landeplattformen, sondern etwas abseits in einen der gewaltigen Höhleneingänge, die sich hier befanden. Irgendetwas sagte mir, dass es besser sei, hier keine Spuren zu hinterlassen.


    Die Größe dieser Anlage stand eigentlich in keinem Verhältnis zu ihrem Zweck. Betrachtete man es nüchtern, so war das zunächst ein Warenumschlagsplatz, ein Handelsterminal de Luxe, das man verwendete, um all den Kram, der sich im Laufe der Zeit bei einem ansammelte, in ein paar Units umzuwandeln, damit mal wieder Platz in seinen Frachträumen für neuen überflüssigen Kram entstand. So tat ich es auch hier und wunderte mich, dass bestimmte einfache Technologien hier offensichtlich Mangelware waren und unerwarteten Profit abwarfen.


    Wenig später wunderte ich mich noch über etwas anderes. In der Mitte des gewaltigen Turmes befand sich ein nicht minder gewaltiger Wissensspeicher der Gek, in dem sich offensichtlich alles befand, was den Gek zu ihrem Erfolg verhalf und ihnen von daher schon mehr als kostbar hätte sein sollen. Umso merkwürdiger war, dass niemand der Umherstehenden sich darüber wunderte, dass eine anormale Lebensform das Archiv betrat und anfing, auf dem Bedienfeld der Schnittstelle herumzutippen. Sie waren sich offenkundig sicher, dass dieses Archiv keine intimen Informationen an Unbefugte preisgeben würde. Und entsprechend reagierte das Archiv auch auf meine Anwesenheit. Etwas gereizt zeigte es mir in einer merkwürdig gebrochenen Sprache den Hinweis, dass nur Gek Zugriff zu diesem Archiv hätten. Ich gab etwas übermütig trotzdem den Befehl ein, mir Zutritt zu verschaffen … der mir für mich vollkommen unerwartet gewährt wurde. Niemand schien Notiz davon zu nehmen. Vorsichtig blickte ich über die Schulter. Sie waren alle in ihre üblichen Geschäfte vertieft und beachteten nicht den neugierigen Besucher.


    Fortsetzung folgt ...

  • Ich suchte nach Informationen. Nicht mit einem bestimmten Ziel, sondern eher zufällig, denn mir war schon klar, dass ich hier nicht zu lange verweilen durfte. Was ich aber zu sehen bekam, reichte mir, um in meinem Verdacht bestätigt zu werden, dass dieses unscheinbare System eine Art ideologisches Zentrum der Gek war, vielleicht auch eine Art Schulungs- und Erziehungsstätte. Denn es war schon auffällig, dass man hier mehr heranwachsende und noch unerfahren wirkende Gek sah, als an anderen Orten der Galaxie. Das Archiv öffnete einen Ordner, der mit der „Philosophie der Gek“ bezeichnet war. Zu lesen bekam ich einen Auszug unter dem Eintrag „Die 57 Gesetze des Profits“. Er lautete:


    „Baue freundschaftliche Beziehungen zu allen potenziellen [unkenntlich gemacht] auf. die Fähigkeit, derartige Versuche zu erkennen, variiert von Spezies zu Spezies. Pheromone sind nicht überall anwendbar. Misstrauen ist überall. Es empfiehlt sich daher, ausdrücklich freundschaftlich vorzugehen. Beispielsweise ‚Korvax-Freund‘, ‚Vykeen-Bruder‘ oder ‚[unkenntlich gemacht]-Verbündeter‘. Hinweis: Wächter können Freundschaft WEDER verstehen NOCH selbst ausüben. Jegliches gegensätzliche Verhalten muss der Handelsföderation gemeldet und als Frühwarnung hinsichtlich [unkenntlich gemacht] angesehen werden. Die Ressourcen von Handelspartnern dürfen NICHT aufgebraucht werden, da in diesem Fall kein weiterer Handel möglich ist. Unsere Feinde müssen ihren Wohlstand wahren, damit die Gek [unkenntlich gemacht] erreichen können.“


    Die Gek betrachteten sich offensichtlich als eine Art überlegene Spezies, für die alle anderen Bewohner des Universums nur eine Handelsressource waren. Kopfschüttelnd ging ich zurück zur Gestressten und fragte mich, wie entfremdet ein Universum sein konnte. Die Vykeen sahen den Wert ihres eigenen Lebens nur im Verhältnis zur Wahrscheinlichkeit des eigenen Todes. Die Gek unterwarfen ihre Widersacher, indem sie Freundschaften zu ihnen herstellten.


    Ich setzte mich in mein Cockpit und fühlte, dass meine Glieder müde und schwer im Sitz lagen. Ich genoss einen Augenblick die Ruhe, die um mich herum entstand und blickte aus dem Cockpit heraus tief in den nebligen Höhlenschlund, der sich neben mir auftat. Dunkel war es darin und schnell verlor sich der Blick in einem undurchdringlichen Nichts. Ich schloss die Augen und überließ mich der Müdigkeit. Noch immer spürte ich den feuchten und kalten Nebel, der mich umso dichter umgab, je mehr ich in einen erholsamen und tiefen Schlaf hinüberglitt. Der Nebel begann zu schimmern und bekam einen fremdartigen, aber lockenden Duft. Ich sah, wie mitten in dem gewaltigen Höhlenschlund ein gerader Weg entstand, auf dem ich halb wollend, halb gezogen in traumwandelnder Weise in die Tiefe geleitet wurde. Ich spürte, wie mit jedem Schritt der Wille aus meinem Bewusstsein wich. Es war, als würde mich etwas im Traum hypnotisieren. Nach einer Weile wurden Konturen von etwas sichtbar, das eine willenlose Neugier in mir weckte und mich der Ahnung folgen ließ, dass sich hier etwas lösen könnte. Schließlich näherte ich mich einer Tafel mit unverständlichen Zeichen, von denen ich nicht hätte sagen können, ob es Schriftzeichen oder Symbole waren. Sie verschmolzen mit dem Nebel und dem Duft, der mich immer noch umgab. Je näher ich der Tafel kam, desto mehr erschien es mir, als hing sie an einem Gebäude. Um mich herum entstanden unterschiedliche Geräusche, die sich mit dem Nebel zu dichter werdendem Lärm verbanden und meinen Verstand so erfüllten, dass kaum mehr etwas anderes in ihm Platz zu haben schien. Als ich an der Tafel ankam, ertönte eine Stimme, die tief, laut und sanft zugleich war. Sie sprach mich mit Freund an und hieß mich willkommen. Gleichzeitig drückte sie ihr Bedauern darüber aus, dass ich nun an einem Ende angekommen sei, von dem es kein Zurück mehr gebe. Hier sei zwar noch ein Leben, aber eines ohne Willen und Freiheit möglich. Ich solle nun in das Gebäude gehen, wo schon alle anderen Zugrunde-Gegangenen warteten. Die Stimme verstummte mit einem lauten Donner. Der Nebel setzte sich in Bewegung und wurde zu einem Sturm, der mich fast wieder aus der Höhe zog. Als ich meine Augen öffnete, war es dunkel geworden und um die Gestresste herum tobte ein siedender Sturm. Normalerweise gingen mir diese Stürme auf die Nerven, weil sie die Energiereserven meines Anzuges in Anspruch nahmen. Aber dieses Mal verstand ich, noch halb im Traum verweilend, was mir dieser Mond hatte mitteilen wollen. Ich hatte jetzt einen anarchischen Bauplan und würde nur noch den Sturm abwarten müssen, auf die Suche nach einer geeigneten Höhle gehen und mich dann ans Werk machen, um der Welt die Wahrheit über die perfide Strategie der Gek vor Augen zu stellen.


    Ähnliches erledigte ich schließlich auch auf den anderen drei Planeten des Systems und kam mir dabei vor wie ein Unruhestifter. Die Signaturen der Denk- und Mahnmale, die ich errichtete, hätten mich gewiss als Aufwiegler oder Widerständler verraten können. Doch war ich guter Dinge und fühlte mich sicher. Hätten die Gek mich verfolgen wollen, wäre die Mühe mit Kosten verbunden, die ihnen nicht unbedingt genutzt hätten, sondern einen nicht kalkulierbaren Verlust bedeuteten. Vermutlich rechneten sie nicht damit, dass jemand in dieses System kommen würde, um sich schließlich vor dem kapitalistischen Ungeist der Gek warnen zu lassen. Ich setzte meine Hoffnung in die Piloten, die ständig unterwegs waren und einander berichten würden, was sie hier gesehen hatten. Mir wäre es Recht, wenn die Lebensformen des Universums, der haltlosen Gier entschlossener entgegentreten würden.


    Fortsetzung folgt ...

  • Fünf Mahnmale in kürzester Zeit. Ich war stolz und fühlte mich, als hätte ich die Parallelwelt eines neuen Geistes entdeckt. Man konnte dieser Welt mehr sagen, als ich lange geahnt hatte. Und kurz dachte ich darüber nach, ob ich mich fortan als Poet oder poetischer Dissident bezeichnen sollte, nahm aber schnell wieder Abstand davon, als ich mir bewusstmachte, dass ich etwas anderes vorhatte.


    Ich beschloss, alles zurückzulassen, wie es war. Sämtliche Produktionsstätten liefen automatisch und meistens auch wartungsfrei. Mein Warenlager auf Andapra III im Nazemma-System fegte ich noch einmal gründlich durch. Hier landeten häufig die armen Schlucker des Universums, denen es an Units für Kleinigkeiten fehlte. Sie ernteten das eine oder andere in meinen Gewächshäusern, um es gleich wieder zu verkaufen und das bisschen an Gewinn in Dinge zu investieren, die sie selbst nicht herstellen konnten. Wie verzweifelt sie waren, konnte man daran sehen, dass sie sogar eine überbordende Inflation in Kauf nahmen, die sie selbst durch ihr hastiges Füttern der Handelsterminals verursachten. Mit etwas Geduld hätten sie ihre Erträge merklich optimieren können. Aber die besaßen sie nicht. Die meisten von ihnen waren Gek, aber auch andere Spezies bedienten sich hier. Die Gek, die hierher kamen, waren bemerkenswert. Sie waren Kreaturen, die am untersten Rand der Gek-Hierarchie arbeiteten. Sie waren wenig intelligent und vor allem hatten sie eine nur sehr eingeschränkte Fähigkeit, ihre Affekte zu zügeln. Das merkte man schon daran, dass sie nur wenig Kontrolle über ihre Pheromonausschüttungen hatten. Auch fehlte ihnen das sonst so zugewandte Wesen der Gek. Sie starten immer nur auf den Weg, der gerade direkt vor ihnen lag und erregten vor allem eines: mein Mitleid. Nur darum ließ ich eigentlich auch diese Basis stehen. Ich war mir bewusst, dass auch diese meistens als Schufter sich bezeichnenden Kreaturen ein hohes Ansehen bei ihrer Spezies genossen und dass wahrscheinlich auch diese Art von Auftreten zu einer Art gattungseigener Strategie gehörte. Aber dies bewog mich nicht dazu, sie alle zum Teufel zu jagen. Lieber gab ich meinem Mitgefühl nach und akzeptierte es, ein Teil ihrer perfiden Welt zu sein und meine Rolle darin zu spielen.


    Auch auf Gamma VI räumte ich noch etwas auf. Der Planet erwies sich mit der Zeit geologisch und biologisch als etwas kompliziert. Er war staubig. Anders ließ sich das nicht bezeichnen. Der Bewuchs dieses Planeten war nicht sonderlich vielfältig, hatte aber vielleicht gerade dadurch die Strategie entwickelt, seine Pollen und sein Saatgut üppig und weiträumig zu verteilen. Und so war es nicht verwunderlich, dass ich die Filter meines Anzugs häufiger zu reinigen hatte als anderswo. Und so war es ebenfalls nicht verwunderlich, dass sich der Pflanzenbewuchs auch dort zeigte, wo man ihn nicht erwartete. Ich gab es daher irgendwann auf, die Gehwege von den Pflanzen zu befreien und ließ sie wuchern. Meine Landeplattformen riss ich bald ab und baute sie leicht erhöht auf Sockeln wieder auf. Mit diesem Nachteil alleine hätte man sich noch arrangieren können, aber mit einem anderen Phänomen dieses Planeten zusammen wurde der Staubbefall zu einer ekeligen Angelegenheit. Der Planet produzierte permanent Blasen, die in die Luft stiegen, dort manchmal verharrten, manchmal wieder niedersanken, manchmal verschwanden und manchmal blieben. Diejenigen, die verschwanden, bildeten mit dem Staub zusammen eine recht klebrige Pampe, die nur schwer zu entfernen war. Ohne an dieser Stelle zu sehr ins Detail gehen zu wollen; aber natürlich weckte dieses Phänomen schon meinen Forscherinstinkt und ich begann meine Beobachtungen und Vermutungen zu notieren. So war diese Erscheinung z.B. in einer Hinsicht absolut paradox: Zum einen konnte man durch diese Blasen hindurchgehen, ohne davon irgendetwas zu spüren oder Rückstände am Anzug zu haben. Andererseits waren Waffen gegen sie wehrlos. Ich versuchte alles vom einfachen Abbaulaser bis hin zum hochgerüsteten Raketenwerfer meiner alten „Pugno“, dem stärksten Jäger, den ich jemals besessen haben werde. Ich installierte einen steuerbaren Kampfroboter, dessen Waffen sogar Jäger vom Himmel holen konnten. Jedenfalls hatte mir solch einer einmal auf einem vulkanischen Planeten ein Raumschiff aus einer Entfernung von gut 1000 u in zwei Teile geschnitten, als wäre es ein Stück Katzenleber gewesen. Aber all das hatte keine Macht über diese Blasen. Im Gegenteil: Vor allem die Strahlen meiner hochenergetischen Waffen wurden absorbiert, als waren sie nichts weiter als ein Snack.


    Eine besonders alte und forschungserfahrene Korvax-Entität, die einmal bei mir landete, hörte sich meine Schilderung an und äußerte die Vermutung, dass es sich bei ihnen um eine nekrotrophe Lebensform handelte. Das sei, so ihre Erklärung, eine Lebensform, die es an vielen Stellen des Universums gebe. Deren Individuenzahl sei auf einem Planeten meist konstant. Die Individuen brauchten für die Zeit ihres Lebens keine Nahrung und würden in dem Augenblick, da sie Hunger verspürten, sterben. Beim Sterben würden sie zu Boden sinken und sich mit ihrer Nahrungsquelle zu einem Brei vermischen, aus dem das gesättigte Individuum neu entstehe usw. Der Satz, mit dem er seine Schilderungen beendete, blieb für mich zunächst unverständlich. Er sagte, dies sei aber nur eine logische Erklärung und keine, die empirisch gestützt sei.


    Wohl war mir seit dieser Erklärung nicht, aber man konnte sich mit ihr arrangieren. Lediglich die Reinigung meiner Basis hatte von da an einen anderen Charakter bekommen. Anfangs hatte ich einen solchen Breifleck noch mit einem harten Wasserstrahl weggespült. Manches von dieser Pampe verteilte ich in der Wildnis, manches spülte ich ins Meer. Dabei vermischten sich bisweilen einige dieser Pfützen und ich spürte ein latentes Bewusstsein davon, dass ich etwas Unrechtes tun würde. In einem Moment geschah dann etwas, das mich an die Rede des Korvax erinnerte und mich zu einer wesentlich umsichtigeren Art des Reinigens bewog: An einer Stelle meines Kulturpalastes entstand eine außergewöhnlich große Blase, die die gesamte Breite meines Turmzuganges einnahm. Was, fragte ich mich, wenn die Vermischung mehrerer Breipfützen zu einem neuen und an Masse übergroßen Organismus geführt hatte? Was, wenn hier sogar ursprünglich individuelle Wesen zu einem neuen Individuum zusammengezwungen wurden? Vielleicht hatte ich gedankenlos ein Wesen geschaffen, das Lebenszyklus um Lebenszyklus durchlaufen musste und nicht in der Lage war, mir sein Leiden mitzuteilen. Als ich mit diesen Gedanken durch und mit dem Aufräumen fertig war, blickte ich in der Dämmerung nach draußen. Die Blasen waren überall und sehr gleichmäßig über Gamma VI verteilt. Sie mieden aber die Höhe und niemals sah man zwei von ihnen übereinander schweben.


    Fortsetzung folgt ...

  • Ein kleines Intermezzo

    Diese Geschichte über den Dissidenten, der einmal andersherum durch Euklid fliegen will, ist prozedural generiert. Das heißt, dass diese Reise streng genommen wirklich unternommen wird, wobei es unterschiedliche Orte sind, die diese Geschichte inspirieren und voranbringen ... bis jetzt jedenfalls ;) Falls jemand ein Interesse an den Orten bis hierher hat, so sind hier einige Adressen zum hinterherfliegen in der Reihenfolge, die sie auch in der Geschichte haben ...


    1. Neu:Felikey

    2021FBFFA002

    2. Gamma VI

    30FE0548A1A7

    3. Andapra III

    405DF9FFBFFF

    4. Via Fiume

    11BEFAFFBFFD

    5. Typhos

    41CDF5FF1006


    Fortsetzung folgt ...

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