Fort in die Wirklichkeit - eine prozedural generierte Geschichte

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  • Du kannst die Glyphen auch auf anderem Weg darstellen.

    Klicke dazu auf der Foren-Hauptseite oben rechts auf:


    Dort wählst du im oberen Feld die passenden Glyphen aus (hier hatte ich die Glyphen von 'Via Fiume' eingegeben) und überträgst mit 'copy code only' den Code in die Zwischenablage.


    Von dort fügst du ihn zwischen die entsprechenden Anweisungen in deinen Text ein.

    Hilfe NMS-Portal-Decoder-3.jpg

    (diese Adresse ist die von 'Neu:Felikey'


    und schon sieht das Ganze z. B. so aus:


    1. Neu:Felikey

    2021FBFFA002

    2. Gamma VI

    30FE0548A1A7

    3. Andapra III

    405DF9FFBFFF

    4. Via Fiume

    11BEFAFFBFFD

    5. Typhos

    41CDF5FF1006


    Ich hoffe, ich habe mich nicht vertippt ;).

  • Fortsetzung:


    Liebe Mitanomalie! Eigentlich hatte ich mir ja vorgenommen, auf eine lange Reise mit ungewissem Ziel zu gehen. Aber statt mein Vorhaben in die Tat umzusetzen, kann ich bis hier nur Dinge beschreiben, die den Eindruck erwecken, als hätte ich mein Vorhaben aus irgendwelchen vorgeschobenen Gründen nicht angetreten und als wäre ich damit etwas anderem aus dem Wege gegangen, das noch der Klärung harrte. Aber das gab es nicht. Ich schwöre es bei all meinen Naniten! Es war etwas anderes, das mich ebenso wie mein Ursprung schon eine ganze Weile beschäftigte und eigentlich ebenfalls zu der Menge all der Dinge gehörte, die mir diese Welt immer fragwürdiger erscheinen ließen. Es war diese unsägliche Vielfalt an Zeiten und Unzeiten in diesem Universum. Da flog man ständig von Planeten zu Planeten und wechselte beständig die Phasen gerade verlaufender zeitlicher Zyklen. Mal geriet man in rasender Geschwindigkeit in eine Nachtphase, obwohl man mit einer geringen Kurskorrektur auch bei hellstem Sonnenlicht hätte landen können. Die Länge der Phasen war auf den Planeten sehr unterschiedlich und fast immer geriet man unter Lebewesen, deren Ruhezeiten sich diesen Zyklen angepasst hatten. Man selbst war das gewohnt, denn man kannte es ja nicht anders. Dennoch stieg so manches Mal eine Ahnung in Form einer leisen Frage in einem auf und weckte in einem den Eindruck, dass es vielleicht auch irgendwo einen Ort gab, dessen Phasen mit den eigenen übereinstimmten. Aber wie sollte man das herausfinden? Hatte man überhaupt noch eine eigene Zeit? Sicher war es bei mir so, dass ich zyklische Phasen der Müdigkeit verspürte, so wie die Lebewesen auf den Planeten auch. Doch waren die Phasen bei mir viel gedehnter. Zwei Erklärungen hätten dafür herhalten können. Entweder veränderten sich die Phasen des Schlafbedürfnisses bei Piloten mit der Zeit und wurden von den Umdrehungszyklen der Planeten unabhängig. Oder es gab irgendwo in diesem Universum einen Planeten, auf dem alles langsamer geschah als im übrigen Universum. Es gab Planeten, deren Zyklen hätten leicht 60 mal in einen meiner Müdigkeitszyklen gepasst. Aber warum sage ich das alles? Dieser verrückte Mischmasch erzeugte in mir nicht nur das Unbehagen darüber, dass ich auch zeitzyklisch nicht ganz in dieses Universum gehörte. Es sorgte ebenso dafür, dass es mir beständig schwerfiel, in Phasen zu denken. Wann hatte ein Beginn, wann ein Ende sich zu ereignen? Wie lange dauerte eine angemessene Zeit für etwas, das sich ereignete? Wann war die Zeit reif, dass ein Gedanke zu einem Entschluss und ein Entschluss zu einer Tat werden musste? War es nicht vielmehr so, dass die Zeit meistens eher ein Dahinfließen war, in dem das eine oder andere auftauchte und wieder verschwand. Die Zeit folgte einem Erleben. Selten zeigte sich ein planender Wille in ihr. Wollte man eine Kerbe in die hier geltende Zeit hauen, brauchte man eine gigantische Willensanstrengung. Und ebendies begriff ich sehr lange nicht, denn meistens wurde meine Zeit durch die Erntezyklen meiner Gewächshäuser beeinflusst, die sich auf sehr unterschiedlichen Planeten befanden, sowie durch eine Korvax-Siedlung, die mir auf wenig durchsichtigen Wegen ihre Verwaltung und damit eine große Verantwortung aufgebürdet hatte und die ich irgendwie nicht mehr loswurde, egal, wie sehr ich die Verwaltungsarbeit vernachlässigte.


    Mir war, als müsste ich bei alledem nur den richtigen Augenblick zum Absprung schaffen. Und so war es nur verständlich, dass ich überall, wo ich etwas besaß oder in etwas verstrickt war, dem Drang folgte, etwas fertigzumachen, damit ich mich auf den Weg machen konnte.


    Und so gelang es mir schließlich auch, dass ich das Gefühl vernahm, überall mein bisheriges Dasein hinter mir lassen zu können. Lediglich auf Gamma VI wollte mir das nicht gelingen, weshalb ich dort schließlich beschloss, einen Verwalter einzustellen, der in der Zeit meiner Abwesenheit alle Geschäfte übernahm, die zu erledigen waren. Ich war froh, einen Gek gefunden zu haben, der dies übernahm, weil dies angesichts der Schulden, die ich noch bei Kakvarbana hatte, einen optimal reibungslosen Verlauf versprach. Und ich glaubte, mein Verwalter-Gek war es auch.


    Fortsetzung folgt ...

  • Kapitel 3 – Fort in die Wirklichkeit, nun aber wirklich!

    Ich brach auf. Ob ich bereit dafür war, wusste ich nicht. Einzig das Hier und Jetzt hatte zu entscheiden. Ich stand auf meiner Basis und blickte in die Ferne. Der Horizont von Neu:Felikey, der mir aufgrund seiner Klarheit immer so nah und unerreichbar zugleich erschein, wird bald nur ein Bruchteil dessen gewesen sein, was ich hinter mir lies. Ein letztes Mal erntete ich einige der merkwürdigen Vorkommen, die am Fuße meiner Basis entstanden. Bestimmt würde sich ein Zeitpunkt ergeben, wo ich sie in meine Raffinerie schmiss. Ich tat das nicht nur wegen der Naniten, die sich dabei gewinnen ließen, sondern ebenso wegen des sonoren Geräusches, das meine Anzug-Raffinerie erzeugte. Es ließ bei mir das Gefühl entstehen, einen sicheren und festen Punkt in einer dimensionslosen Ewigkeit zu besitzen. Ich fürchtete, dass ich diesem Bedürfnis auf meiner Reise mehr als einmal begegnen würde.


    Ich brach auf und rief die Galaxiekarte auf. Hier war also alles verzeichnet, was man gegenwärtig kannte. So erschien es jedenfalls auf den ersten Blick. Auf den zweiten musste man sich schon fragen, wer die Archive mit derart vielen Daten fütterte, derer sich mein Bordcomputer bediente, um mir ein dreidimensionales Modell der Euklid-Galaxie zu zeigen. Diese Galaxie war so riesig, dass kein Lebewesen hier das Maß der Dinge war. Stattdessen war es das Licht. Ca. 3000 Lichtjahre war ich hier in Britaba II vom Zentrum der Galaxie entfernt. Das bedeutete, dass das Licht 3000 Jahre benötigte, um mich hier zu erreichen. Eine reine Gegenwart war hier nur ein leerer Schein. Egal, in welche Richtung ich blickte; von überall erreichte mich das Licht ferner Sterne aus ganz unterschiedlichen Zeiten. Der helle Punkt, der das Zentrum der Galaxie bildete, war der helle Punkte, wie er vor 3000 Jahren aussah. Drehte ich mich, war es möglich, dass ich das Millionen Jahre alte Licht von Sternen sah, die es vielleicht längst nicht mehr gab. Mein Schiff schaffte pro Sprung gut 1500 Lichtjahre und benötigte dafür nur wenige Sekunden. Ich überholte also quasi das Licht des Zentrums, wenn ich – was ich ja vorhatte – mich vom Zentrum wegbewegte. Nach jedem Sprung würde ich also eine ältere Version des Zentrums sehen. Theoretisch war es sogar möglich, dass man irgendwo das Licht einholte, das die Entstehung von Euklid in den Weltraum hinaustrug. Mir wurde etwas schwindelig bei diesem Gedanken. Wie sollte ich mich durch diese Galaxie bewegen, in der es kaum etwas Konstantes gab? Und was würde man an ihrem Rande finden, wo das älteste erreichbare Licht den Reisenden hinter sich ließ, bevor es für immer ungesehen in einer ewigen leeren Dunkelheit verschwand? Ich hatte den Eindruck, willkürlich entscheiden zu müssen, und beschloss zunächst Entfernungen von ca. 10.000 Lichtjahren in den unteren – ich nannte ihn den südlichen – Bereich der Galaxie pro Schritt zurückzulegen. Das System – welches auch immer es sein mochte –, in dem ich dann landete, würde ich erforschen und als Wegmarke meiner Expedition benennen. Ich würde mir praktischerweise eine Standardbezeichnung für meine Expedition ausdenken müssen, die ich dann um die Zahl der Lichtjahre erweiterte, die das System vom Zentrum entfernt lag. Die Planeten des Systems würde ich der Einfachheit halber nur mit der Zahl der Lichtjahre und den Buchstaben Alpha bis Zeta in beliebiger Reihenfolge benennen.


    Ich brach also auf, machte einige Sprünge durch den Hyperraum und landete in einem System, das ich auf meiner Karte einem sehr spontanen Einfall folgend als Dropout 10.071 bezeichnete. Ich betrat die Raumstation und fühlte mich beobachtet. Mir wurde bewusst, dass ich kaum mal in ein System fernab des galaktischen Zentrums gekommen war. Und offenkundig war ich damit keine Ausnahme. Doch war es nicht nur eine allseitige Aufmerksamkeit, die ich hier zu erregen schien. Mir schien ebenso, dass meine Anwesenheit für eine gewisses Maß an Unruhe sorgte. Ich ließ meinen Blick über den Geschäftsbereich der Station wandern und sorgte auf diese Weise dafür, dass man meinen Blicken auswich und intensiver als gewöhnlich der jeweiligen Arbeit nachging. Ein merkwürdiges Verhalten in einem System, dass man eigentlich noch zu den Kernsystemen zählen durfte und in dem in der Regel kein Grund für ein solches Verhalten bestand. Weil es sich bei den Bewohnern in diesem System um Vykeen handelte, hielt ich mich lieber auf Distanz und tat so, als wollte nur ein paar Kratzer in der Hülle der Gestressten begutachten. So hatte ich einen Vorwand, um nicht nach oben zu den Händlern und Verwaltern gehen zu müssen und konnte den Eindruck erwecken, hier nur einen kurzen Zwischenstopp gemacht zu haben.


    Später begab ich mich auf einen Rundflug durch das System, ohne von jemandem angesprochen worden zu sein, und fand den augenscheinlichen Grund für das merkwürdige Verhalten. Jedenfalls konnte ich mir einen Reim machen und gleich danach wieder verschwinden. Das System war insgesamt eines von der durchschnittlichen Sorte und hätte nicht weiter mein Interesse erregt. Ich scannte alle Planeten, um mir einen Überblick zu verschaffen und sah, was los war: ein Wurmbefall auf einem ansonsten sehr vegetationsreichen Planeten! Ihn steuerte ich als ersten Planeten an und sah das Ausmaß der Misere, als ich im Tiefflug über ihn dahinglitt. Der Planet war mit hochstängeligen Sporen überzogen. In zweierlei Hinsicht war das ungewöhnlich. Zum einen hatte ich noch nie von einem wurmbefallenen Planeten in derart großer Nähe zum Zentrum gehört. Aber das soll nichts heißen. Denn seit einiger Zeit beschränkte sich mein Dasein auf wenige Systeme im Kernbereich. Und nicht immer war ich auf der Suche nach Neuigkeiten. Zum anderen war auffällig, wie fortgeschritten der Befall schon war. Er ließ in jedem Fall darauf schließen, dass man sich schon eine ganze Zeit – Generationen, um genau zu sein – nicht um diesen Planeten gekümmert hatte, geschweige denn, Versuche unternommen hatte, ihn zu retten. Systeme mit solchen Planeten standen in der Regel in keinem guten Ruf, weil sie ein schlechtes Licht auf den Zustand der Systemverwaltung warfen. Hier war offensichtlich geschlampt worden und man hatte in Kauf genommen, dass ein kompletter Planet quasi unbewohnbar geworden war.


    Fortsetzung folgt ...

  • Mit den Würmern war es so eine Sache. Sie waren über das gesamte bekannte Universum verteilt, zeigten aber dort, wo sie auftauchten, keine Fähigkeit, sich eigenständig im oder außerhalb des Orbits von Planeten zu bewegen. Überhaupt waren diese kraftvollen Giganten eher an einen Planeten gebunden. Sie hatten die Größe einer durchschnittlichen Fregatte und die Fähigkeit, sich durch das Erdreich zu wühlen, als wäre es Wasser. Sie konnten unter der Erde sogar Anlauf für weite Sprünge nehmen und entsprechend sehr weite Distanzen im Fluge überwinden. Dies und die Fähigkeit, in Windeseile Eier zu produzieren, sorgte dafür, dass sie in recht kurzen Zeiträumen das Gesicht eines kompletten Planeten für immer verändern konnten. Hatten sie einen Planeten im Würgegriff, geschah immer das Gleiche: Sie durchwühlten den Bereich der Erdkruste, bis das Oberste zuunterst gekehrt war. Dabei setzten sie Unmengen von Eiern ab, bis praktisch alles mit ihnen übersäht war. Und weil sie durch das Gewühle auch ihre eigenen Nahrungsquellen zerstörten, endete bald schon ein Lebenszyklus, der sich in der Umgestaltung eines Planeten zu einer Brutkolonie für die nächste Generation von Riesenwürmern erschöpfte. Eine Generation von Würmern starb also und ließ Milliarden von Eiern zurück. Mit der Zeit und lange bevor ein Individuum wieder schlüpfte, kehrte die Vegetation zurück und es vermehrten sich die Tiere wieder. War das so entstandene Nahrungsangebot ausreichend für eine neue Generation, schlüpften so viele Würmer, wie der Planet tragen konnte und alles begann von vorne.


    Einige Wissenschaftler vertraten die Theorie, dass diese Würmer niemals ohne Einfluss anderer Arten von Organismen hätten entstehen können. Kein Planet stellte genügend Ressourcen bereit, um derart große Organismen in ihrer Entstehung zu begünstigen. Sie kamen daher zu der umstrittenen Theorie, dass die Riesenwürmer das Ergebnis von Forschungen sein mussten, die gezielt auf ihre Entstehung hinwirkten. Einige dieser Forscher hatten dabei die Vykeen im Fokus und vermuteten eine Art von Bio-Waffe, mit der man ganze Systeme unbewohnbar machen wollte. Gegen diese These wehrten sich die Vykeen natürlich sehr entschieden und taten dies mit glaubwürdigen Argumenten. Sie führten ins Feld, dass diese Methode der Kriegsführung in diametralem Gegensatz zu ihrem Ehrenkodex stehen würde. Vykeen würden sich nur in direktem körperlichen Streit lebendig fühlen, bei dem es um den Einsatz des eigenen Lebens gehe, nicht um das von Würmern. Alles andere widerspräche ihrer Natur.


    Einer anderen These zur Folge – und hier gerieten vor allem die Gek als Wurzel des Übels in den Fokus – versprachen die Eier der Würmer und vor allem deren Brut auf galaktischen Schwarzmärkten hohe Gewinne, weshalb sie von Piloten, die auf schnelles Geld hofften, gesammelt und gehandelt wurden. Es war nicht auszumachen, wie viele Eier auf diese Weise den Planeten wechselten und schließlich immer neue Planeten infizieren konnten. Diese Theorie erschein auch dadurch plausibel, dass die Würmer kein bevorzugtes Biom kannten, sondern schon fast wahllos auf sehr verschiedenartigen Planeten auftauchten.


    Der Wurmbefall hier in Dropout 10.071 war immens. Und die üppige Flora und Fauna des Planeten sowie das Fehlen von lebendigen Würmern zeigte, in welchem Stadium sich hier alles befand. Der Planet war reif. Das nächste Inferno konnte jeden Augenblick erneut ausbrechen, weshalb ich auch Abstand von der Idee nahm, hier zu landen.


    Und so war mir also klar, dass meine Anwesenheit hier in mehrfacher Hinsicht für Irritationen sorgte. Ich hätte den Ruf dieses offensichtlich schlampig geführten Systems ins All hinaustragen können. Ich hätte aber ebenso jemand sein können, der hier ein Geschäft witterte, weil er von dem erntemäßig überreifen System erfahren hatte. Ebenso hätte es aber auch sein können, dass ich im Namen irgendeiner übergeordneten Instanz als verdeckter Ermittler aufdeckte, dass man hier aus kommerziellen Bedürfnissen heraus einen Planeten geopfert hatte. Zugegeben, die letzte Möglichkeit war sehr unwahrscheinlich. Denn dieses System war ein Vykeen-System. Und weder entsprach der Kommerz der Natur der Vykeen, noch würde irgendeine übergeordnete Instanz eine Anomalie für solche Art von Ermittlungen einstellen. Die Vykeen, die ich hier auf der Raumstation gesehen hatte, wirkten grobschlächtiger auf mich als anderswo. Vielleicht hatten sie auf diesem Planeten auch einfach nur ihren Spaß und gingen dann und wann auf gefährliche Safaris. Auch das wäre etwas gewesen, das man besser geheim hielt. Mein Gedanke dazu: Wenn man schon in solch großer Nähe zum galaktischen Kern derartige Absonderlichkeiten und zweifelhaften Subkulturen in Erscheinung traten; was gäbe es dann noch alles im Verlauf meiner Reise zu entdecken?


    Ich rief die Galaxiekarte auf, schmiss meinen Warp-Antrieb an und verschwand in den Tiefen eines … Wurmlochs.


    Fortsetzung folgt ...

  • Kapitel 4 – Haben die Korvax Hoffnung?

    Es gibt Momente im Leben, da verliert man seine Ziele aus den Augen, obwohl man immer noch dabei ist, sie zu verfolgen. Und dann kann es geschehen, dass man etwas erlebt oder entdeckt, das in keinem direkten Zusammenhang mit den Dingen steht, die einen gerade beschäftigen. Und gerade darum erweckt so manches gerade ein doppeltes Interesse in einem. Zum einen hat es eine ganz eigene und für uns neuartige Seite. Und zum anderen berührt es doch das scheinbar schlummernde Streben und wirkt, ohne dass wir es merken, wie ein Mosaiksteinchen, das auf der Suche nach seinem Kunstwerk ist, in das es sich einfügen möchte.


    Wenn man lange im Weltall unterwegs ist und von einem System zum anderen springt, dann verliert man schnell das Gefühl für das Besondere und vor allem für die Entfernungen, die man zurücklegt. Ich hatte schon einige Sprünge durch den Hyperraum nicht mehr gezählt und wusste von meiner Entfernung zum Zentrum nur durch meine Galaxiekarte und durch eine zuverlässig funktionierende Technologie, die mir anzeigte, wo ich mich gerade befand. Ich hatte inzwischen einen Abstand zur Systemmitte von ca. 40.000 Lichtjahren. Gemäß meinem Vorhaben, alle 10.000 Lichtjahre innezuhalten und mir mindestens ein System genauer anzuschauen, steuerte ich die Systemstation eines Korvax-Systems an. Ich hatte immer meine Vorbehalte bei Korvax-Systemen, die sich selbst als kommerziell bezeichneten. Die Korvax waren derart rational, dass sie im Grunde niemals einen Handel nötig hatten. Sie waren totalvernetzt. Ihre ganze Gattung war ein einziges Riesenindividuum. Und wenn an irgendeiner Stelle im Universum bei ihnen ein Mangel an etwas auch nur im Entstehen begriffen war, dann nahm man das an Orten wahr, an denen man einen entsprechenden Überfluss hatte, und konnte Abhilfe schaffen, bevor der Mangel bedrohlich werden konnte. Der Kommerz konnte bei den Korvax also eigentlich nur eine Strategie sein, mit der man dem Rest der Welt vorspielte, dass man so war wie alle anderen Intelligenzen auch. Ich fragte mich, ob es bei den Korvax eigentlich wirklich so etwas wie einen Mangel oder ein Defizit geben konnte oder ob es bei ihnen so war, dass sie eigentlich alles hatten, aber so bedauernswert in ihrer digitalen Natur waren, dass sie sich darüber nicht wirklich freuen konnten.


    In diesem System sollte ich ein wenig dazulernen. Und nicht nur das. Später sollte ich auch begreifen, dass diese kleine und zunächst lediglich interessante Erfahrung ein Mosaiksteinchen im werdenden Gesamtbild meines Ursprungs war.


    Als ich in der Station landete, wusste ich selbstverständlich längst, dass man mich hier wiedererkennen würde und entsprechend wusste man, wer ich war, obwohl man mich hier noch nicht gesehen hatte. Ich wusste aber ebenso, dass man mich dies nicht würde merken lassen. Die Korvax würden mir die Normalität von Wesen vorspielen, die gerade das erste Mal einem Gast begegneten. In diesem Sinne entschied ich mich zur Besonnenheit und dazu, den ahnungslosen Gast zu spielen, der hier nur auf der Durchreise war und ansonsten keine weiteren Ziele verfolgte.


    Ich tat daher das, was ein Großteil von unauffälligen Reisenden in dieser Situation tat. Ich ging zum Büro für kleinere Lohnaufträge, um mir ein paar Units oder anderes zu verdienen. Ich staunte nicht schlecht, als der Korvax mir die Liste möglicher Aufträge zeigte. Sie enthielt fünfmal denselben Auftrag, auf einem der hiesigen Planeten die Flora und Fauna zu untersuchen und zu katalogisieren. Ich willigte ein, denn ich wollte wirklich kein Aufsehen erregen. Außerdem kamen mir die Aufträge entgegen. Schließlich war ja ebendies mein eigentliches Anliegen: zu reisen und zu verstehen. Dennoch regte sich in mir ein leichtes Misstrauen und ich fragte mich, ob es bei den Korvax ähnliche Verführungsstrategien und Manipulationen gab, wie bei den Gek. Nur dass die Korvax einen am Ende nicht zum Kaufen, sondern zum Erkennen überredeten.


    Neben all den Planeten mit anstrengenden oder gar keinem Klima gab es einen Grasplaneten, den ich ansteuerte. Auf ihm würde ich meine erste Planetenrunde in diesem System drehen können, ohne ständig meinen Hitzeschutz aufladen zu müssen. Der Planet überraschte. Er war ein Grasplanet und war es auch nicht. Die Karte verzeichnete ihn als eine natürliche Erscheinung, mein Scan bestätigte dies. Mein Kopf registrierte eine planetare Anomalie. Ich hatte so etwas zuvor noch nie gesehen. Jeden Bestandteil einzeln für sich aber sicherlich schon. Aber in dieser Zusammensetzung hatte es etwas unnatürlich Schönes. Woher kam dieser Eindruck? Zunächst war seine Vegetation zwar üppig, in der Vielfalt jedoch eher knapp. Er war über und über mit Gras bedeckt und sehr hügelig. Die Landschaft war von Seen und Meeren durchbrochen, so dass die Entscheidung schwerfiel: War es ein wasserreicher Landplanet oder ein inselreicher Wasserplanet? Je nach Hemisphäre stimmte wohl beides mal. Er war reichlich übersät von mattbunten pilzartigen Gewächsen und zahlreichen Pflanzen, die um die Wette leuchteten. Fast schien es mir, als hätte man absichtlich überall in der Galaxie solche Pflanzen gesammelt, um sie hier vereint in das Erdreich zu setzen. Die Ufer waren silberfarben und glänzten wie poliert. Doch all das war noch bei Weitem nicht das Erstaunlichste. Als ich landete, passierte etwas, das mich einen Augenblick zögern ließ, auszusteigen. Dort, wo die Gestresste aufsetzte veränderte sich die Farbe des Bodens und wechselte vom grünen Gras in leuchtenden Purpur. In der Kürze eines Wimpernschlages sprossen purpurn leuchtende und in der Helligkeit changierende Pflanzen. Das Gras verschwand auf ebendiese Weise. Das alles geschah in einem recht weiten Umkreis des Schiffes und pflanzte sich wie eine Welle im Wasser fort, wie wenn man einen Stein in einen See warf. Dahinter blieb alles bis zum letzten Horizont saftig grün.


    Mir kam es vor, als registrierte dieser Planet meine Anwesenheit und als reagierte er wie ein gewaltiges Interface auf meine Berührung. Die Instrumente zeigten glücklicherweise keine Störung oder Gefahr an und so wagte ich den Ausstieg. Ich benutze jedoch nicht den Beam, sondern stieg alleine und sehr vorsichtig aus, um den Boden unter meinen Füßen kontrollieren zu können.


    Es ging alles gut und ich konnte mich zu Fuß über diesen Planeten bewegen. Ich unternahm eine Wanderung und tat es so, wie ich das häufiger tat: Ich hielt mich in südlicher Richtung, um nicht Gefahr zu laufen, mich aus Versehen im Kreise zu bewegen. Einfach war das wegen zahlreicher Unwägbarkeiten nicht. Die vielen Gebirgsverläufe und Gewässer sorgten dafür, dass man sich nicht wirklich einen Eindruck von der Umgebung verschaffen konnte. Lediglich eines wurde mir jetzt schon klar: Der Purpur unter meinen Füßen folgte mir und alles, was in näherer und größerer Ferne lag, blieb allen Naturgesetzen zum Trotz in sattem Grasgrün. Ich hatte mich höchsten 500 u von der Gestressten entfernt, als ich beschloss umzukehren. Der Untergrund war derart hügelig und unterbrochen und ein Vorankommen recht schwierig. Um aber nicht denselben Weg zurückzunehmen, umquerte ich einen Hügel und fand mich vor einer jener alten Maschinerien wieder, die ihrem Erscheinen nach aus derselben Zeit stammten wie die Portale, jedoch wesentlich kleiner waren. Sie hatten weder ein elektronisches Interface, noch irgendeine Art sichtbarer und gängiger Kommunikationstechnologie. Und doch reagierten sie auf einen und nahmen sehr unterschiedliche Arten der Verbindung zu einem auf. Ich ließ mich nie gerne auf diese Maschinen ein, denn bisweilen bedienten sie sich des Schmerzes oder anderer Wirkungen auf das Bewusstsein, um sich einem mitzuteilen.


    Hier aber machte ich aus einer neugierigen Hoffnung heraus eine Ausnahme. Außerdem schien die Technologie sanft, ähnlich wie der Planet es auch war. Die Maschine teilte mir etwas über die Vergangenheit der Korvax mit. Und sie war für mich aufschlussreich. Da ich kein Aufzeichnungsgerät dabeihatte, muss ich hier den Inhalt in eigenen Worten referieren und bitte dies zu entschuldigen.


    Die Maschine übertrug mir die Nachricht, dass die Korvax einst vor einer Entscheidung gestanden hatten. Diese Entscheidung hatte offensichtlich zur Folge, dass die Korvax eine ganze Reihe von Eigenschaften und Fähigkeiten verloren. Sie mussten sich quasi zwischen einer Fortexistenz mit Defiziten und einem Untergang entscheiden. Da sie ihren Fortbestand präferierten, blieben ihnen eine Reihe von Eigenschaften nur als Erinnerung an Worte sowie eine quälende Ahnung davon, dass diese Worte einmal eine grundlegende Bedeutung hatten. Es wirkte fast, als hätte jemand auf diese Weise eine Art Strafe über eine ganze Spezies verhängt. Bemerkenswert war der letzte Gedanken, den mir die Maschine mitteilte: Die Korvax verloren ihre Hoffnung und mussten nun mithilfe reiner Logik hoffen.


    Was steckt hinter diesem Gedanken für eine Vergangenheit? Waren die Korvax einst Wesen, die in der Lage waren, wirklich zu hoffen? Und war es am Ende so, dass es ein Streben bei den Korvax gab, für leer gewordene Begriffe eine Art Ersatzbedeutung zu finden; nur um die Kenntnis dieser Begriffe nicht zu verlieren?


    Fortsetzung folgt ...

  • Nachdenklich ließ ich mich über den Planeten treiben und betrachtete ihn von oben. Er war simpler gestaltet als andere Planeten und doch merklich ästhetischer. Fast wie ein Kunstwerk, mit dem man einen Planeten darzustellen versuchte, ohne dass er wirklich einer war. Bei diesem Gedanken fiel mir ein, dass ich auf meiner Wanderung eine Menge an Tieren gescannt hatte. Einige davon wurden mir als Raubtiere angezeigt, doch keines davon hatte den Versuch unternommen, mich anzugreifen. Ich hatte inzwischen ein wenig Gefallen an dem Satz gefunden, mit dem ein Korvax auf Gamma VI einst seinen Vortrag schloss. Er hatte seine Ausführungen als lediglich logisch, jedoch nicht empirisch belegt bezeichnet. Und so versuchte ich auch diesen Eindruck, den ich von dem Planeten hatte, logisch weiterzudenken:


    Wenn dieser Planet tatsächlich das Ergebnis einer Gestaltung durch die Korvax war; und wenn dieser Planet nichts enthielt, außer einer Flora und Fauna, der es eher um einen äußeren Anschein von Planetenhaftigkeit ging, als um ein wirklich lebendiges und artgemäßes Dasein; welchen anderen Zweck konnte dieser Planet dann haben, als den eines von den Korvax kreierten gewaltigen Kunstwerkes. In der Kunst haben frühere Kulturen sich selbst reflektiert und sich ihrer eigenen Dignität versichert. Und mit Blick auf das, was ich über die Hoffnung bei den Korvax erfahren hatte, erschien es mir sehr plausibel, dass es noch eine ganze Menge an Dingen mehr geben konnte, bezüglich derer die Korvax ein Bedürfnis zu haben schienen, sie durch Logik und Simulation wiederzuerlangen oder zumindest zu verstehen. Ich würde hier gewiss noch einiges in Erfahrung bringen können und nahm mir vor, mehr von den Maschinerien dieses Planeten zu lernen.


    Ich wurde nicht enttäuscht. Der Planet war in bemerkenswertem Maß von Technologie übersät. Vor allem auf der nördlichen Hemisphäre gab es eine ungewohnte Dichte an Fabriken und Sendetürmen, planetaren Archiven und Handelsplattformen sowie eine überraschende Zahl abgestürzter Frachter. Und um hier keine unnötigen Erwartungen zu erzeugen: Ich habe über all das nicht wirklich etwas herausfinden können. Alles, was ich hier berichte, sind eher die Gedanken, die ich in der Folge dazu hatte und die mich auch später noch begleitet haben.


    Ein Besuch eines planetaren Archivs brachte mich recht nahe an die Welt der hiesigen Korvax. Denn hier erfuhr ich zumindest, dass mein Eindruck wahrscheinlich realistisch war, dass dieser Planet eine Besonderheit in der Welt der Korvax darstellte. Wieder gelang mir auf Anhieb der Zugriff auf das Datenarchiv ohne Probleme und ich fragte mich nicht das letzte Mal, ob das eventuell mit dem Korvax in Verbindung stand, der einst meinen Universalübersetzer in die Mangel genommen hatte. Hatte ich bei dieser Gelegenheit von einem Korvax so etwas wie einen Universal-Zugang zu allen möglichen Archiven bekommen? Jedenfalls funktionierten sie seitdem in extremer Weise kooperativ und widerstandsfrei.


    Der Blick in dieses Archiv ließ mich staunen. Ich las die Mitteilung:


    „Dieses Archiv wurde von allen anderen seiner Art getrennt. Die Wesen, die es gebaut haben, führten offenbar geheime Experimente durch.“


    Was dann folgte, erschloss sich mir nicht ganz. Es konnte mich in meiner vagen Vermutung bestätigen, dass hier so etwas wie Kunst betrieben wurde. Genauso gut hätte die Beschreibung aber auch zu Folterexperimenten passen können:


    „Ich bin hier. Ich bin hier. Ich bin hier.“


    Diese Wortfolge ging stundenlang weiter, zwischendurch warf ein elektronisches Wesen eine Folge tonaler Schreie dazwischen, ein in Zahlen ausgedrücktes Schluchzen. Zum Schluss folgte noch eine wiedergegebene Äußerung ähnlich der ersten:


    „Ich bin, wir sind, ich – ich – …“


    Vielleicht war es auch beides. Ich kann mich daran erinnern, schon einige Male zuvor Korvax-Entitäten begegnet zu sein, die ihre Verbindung zum Schwarmverstand der Korvax verloren hatten. Sie wirkten depressiv und haltlos. Ihnen fehlte ein Ziel, ein Grund, aktiv und wach zu bleiben, ein Anlass, etwas anzupacken. Aber in dem Experiment, von dem ich in dem Archiv erfahren hatte, schien es darum zu gehen, dass man einen Korvax mehrere Male getrennt und wieder verbunden hatte; offensichtlich in einer steigenden Geschwindigkeit. Was muss das für eine Kontrasterfahrung gewesen sein? Entkoppelt, um gleich wieder gekoppelt und dann wieder entkoppelt zu sein usw. Das muss wie ein wiederholtes kurzzeitiges Sterben und Wiedererwachen gewesen sein. Als Experiment ließ sich das für mich verstehen. Aber warum hatte man dies stundenlang wiederholt? Und was war das tonale Schluchzen, das diese Prozedur hervorrief?


    Mit Blick auf das Aussehen dieses Planeten konnte ich mir nur eine Erklärung zurechtlegen. Hier musste eine Gruppe von Korvax mit rauschhaften Erfahrungen experimentiert haben, die etwas mit der Entkopplung und dem gleichzeitigen Wissen um den Fortbestand zu tun hatte. Ich vermutete – und das erschien mir logisch, wenn auch nicht empirisch belegbar –, dass ein entkoppelter Korvax die Erfahrung von Einsamkeit machte und durch die Erfahrung des Fortbestandes aber auch etwas erleben konnte, das die Korvax zwar als Wort kannten, aber eben nicht als Realität: das Ich.


    Die Erfahrung, die sich in dem Satz „Ich bin hier“ ausdrückte, musste für derart kollektivierte Wesen wie die Korvax überwältigend gewesen sein. Alles Weitere erschien von dort aus nur konsequent. Etwas derart Schönes wie dieser Planet benötigte einen Verstand, der nicht unterschiedslos in einer Masse aufging. Er konnte nur entstehen, weil Korvax ihn schufen, in denen der Wille zur Unterscheidung wohnte und damit der Wille, diesen Unterschied auch in der äußeren Welt sichtbar zu machen.


    Als ich das erkannte, flog mich kurz ein komplizierter Gedanke an, den ich nicht lange halten konnte. Es ging in diesem Gedanken darum, dass das Leben, ja sogar das ganzer Völker bisweilen etwas Kreisförmiges hatte und dass die Korvax auf diesem Planeten dabei waren, einen Zustand wiederherzustellen, der schon einmal für sie bestanden hatte, so wie im Leben eines einzelnen es ja auch ein Hin-und-her-Oszillieren zwischen Einsamkeit und Aufgehobensein gab … und zwar schon immer.


    In dem Augenblick, da mich dieser Gedanke anflog, fühlte ich mich ihnen für einen kurzen Moment verbunden und wunderte mich zugleich darüber.


    Fortsetzung folgt ...

  • Kapitel 5 – Dropout 80.000 und die ganz grundlegenden Fragen

    Inzwischen hatte ich wohl jedes Gefühl für die Zeit vollkommen verloren. Was tat ich auch? Ich sprang von System zu System, ich schlug mich mit Piraten – dank meiner inzwischen hochgerüsteten Gestressten konnte ich sie im Rückwärtsgang erledigen –, ich inspizierte Planeten, ich besserte Lackschäden aus, ich aß, ich schlief, ich scannte, ich aß, ich schlief … und ab und zu, wenn ich das Gefühl hatte, wieder ein wenig zu mir kommen zu müssen, dann warf ich irgendetwas in meine Anzugraffinerie und wartete, was dabei herauskommen würde. Hast du schon einmal Stickstoff zu Schwefelin, Schwefelin zu Radon und dieses wieder zu Stickstoff verarbeitet? Es ist schon verrückt, wie von einer großen und mühevoll zusammengesuchten Menge mit jedem Verarbeitungsdurchgang ein Teil verschwindet und nicht wieder auftaucht; in keiner denkbaren Bilanz. Man kann, wenn man den festen Boden eines sinnerfüllten Lebens unter den Füßen vermisst, diesen Vorgang so häufig wiederholen, bis am Ende nur noch ein einziges Molekül übrigbleibt, das man dann dankbar in eine Umgebung entlässt, die vielleicht seit Milliarden von Jahren nicht die Spur dieses Elementes gesehen hat.


    Milliarden! Was war das für eine Zahl? Liebe Mit-Anomalie! Verzeih, wenn ich an dieser Stelle wieder von solch komischen Dingen rede. Aber ich war nun schon lange unterwegs, teilweise hatte ich über unübersehbar lange Zeiten mit keinem Wesen gesprochen, so dass ich mich bisweilen fragte, ob ich überhaupt noch Worte hätte formen können. Und überhaupt war ich jetzt schon so weit draußen, dass man auf immer weniger und vor allem immer weniger freundliche Wesen traf; es sei denn, sie lebten von ihrer Freundlichkeit, doch davon etwas später.


    In solch einer Situation fängt der Kopf an, gegen die unendliche Einsamkeit, die einem im All umgibt, zu rebellieren und sucht sich Beschäftigungen, die irgendwie immer dasselbe Thema haben: Warum ist überhaupt irgendetwas und nicht vielmehr nichts? Zugegeben! Diese Frage stellte mir mein Kopf nicht, sondern er erinnerte sich daran, als ich im Sturzflug und mit maximaler Impulsgeschwindigkeit – die Gestresste schaffte inzwischen immerhin über 20.000 u/s – auf eine Wasseroberfläche zuflog, nur um mal zu sehen, ob die Sicherheitssysteme in der Lage waren, den Sturz abzufangen, oder ob ich das Schiff wenigstens mit der Nase einmal unter Wasser bekommen könnte.


    Es ist schon extrem lange her, dass mir diese Fragen von einem jener Wesen gestellt wurde, die ein wenig an die Korvax erinnerten und doch keine waren. Man begegnete ihnen ab und an auf Raumstationen. Oder besser gesagt: Mir begegneten sie häufiger auf Raumstationen. Andere schienen sie nie zu sehen und selbst ich zweifle noch heute an ihrer Existenz, denn mir ist es noch nie gelungen, einen von ihnen zu berühren. Es war, als projizierte mein Anzug mir diese Kreaturen. Aber weil das, was sie zu erzählen hatten, unmöglich aus meinem Anzugspeicher stammen konnte und erst recht nicht aus mir, habe ich nie daran zweifeln können, dass sie echte, ja sogar fühlende und ihrer Selbst bewusste Wesen waren. Ich habe mich mit der Idee abgefunden, dass sie eine intelligente Lebensform darstellten, deren arttypische Lebensumgebung eben die technologisch hochgerüsteten Raumstationen oder gar die ebenso hochgerüsteten und vielfach verbindungsfähigen Anzüge waren, mit denen alle Anomalien ständig herumliefen. Aber diese Annahme war eher eine logisch hergeleitete Hypothese als eine, für die es eine empirische Grundlage gab.


    Doch ich schweife ab. Ich wollte eigentlich nur deutlich machen, dass ich nach einer Reise von 80.000 Lichtjahren in keiner guten mentalen Verfassung war und mein Verstand immer eigenständiger auf die Suche nach festem Boden unter den Füßen ging. Manchmal war es, wenn ich schläfrig werden wollte, als würde mein Verstand das nicht akzeptieren. Und dann konnte ich ihm quasi bei der Arbeit zusehen, wenn er versuchte, bei sich Ordnung zu schaffen.


    Warum eigentlich Lichtjahre? Das war eine der aufwühlendsten Fragen, mit der mich mein Verstand vom Schlafen abzuhalten versuchte. Wer war wann und warum auf die Idee gekommen, die Länge eines Jahres festzulegen. Natürlich war ein Jahr definiert. Es bezeichnete die Länge, die ein Planet für einen kompletten Umlauf um sein Zentralgestirn benötigte. Bei Planeten mit mehreren Zentralgestirnen war das natürlich komplizierter, aber auch dafür gab es Regeln. Aber ein solches Jahr war nicht festlegbar, weil das Jahr eines Planeten so individuell war wie ein Fingerabdruck. Und doch war ein Lichtjahr als eine Entfernung exakt festgelegt. Und mein Verstand fragte sich, welcher Planet für dieses Jahr mit seiner standardisierten Länge das Beispiel hatte geben müssen. Oder war es gar kein bestimmter Planet, sondern eine Art Durchschnittswert, der sich aus dem Umlauf aller denkbaren Planeten ergab? Ich glaubte, dass man auf diese Frage sicher keine Antwort finden würde. Mein Verstand war anderer Meinung und ließ sich von mir nur durch den Gedanken zur Ruhe bringen, dass dies sicherlich eine der Fragen sei, mit der man wohl einen Korvax gehörig aus seiner üblichen Routine hätte bringen können.


    Fortsetzung folgt ...

  • Eine weitere dieser Fragen stellte mir mein Verstand, als ich in einem von mir als „Dropout 80.000“ notierten System auf einen Planeten zuflog, der mir als toter Planet angezeigt wurde. Ab wann ließ sich ein Planet eigentlich als tot deklarieren? Offenkundig waren hier die Wesen, die das taten, das Maß aller Dinge. Wann immer sich Leben auf einem Planeten regte, bezeichnete man ihn als lebendig. War kein Leben vorhanden, weil es nie welches gab, galt er als tot. Dasselbe war auch der Fall, wenn leben auf ihm wohl mal vorhanden war, aus irgendeinem Grunde aber verschwand.


    Mir erschien das angesichts des Planeten, auf den ich gerade zuflog, nicht plausibel, weil willkürlich. An vielen Stellen der Galaxie gab es als tot deklarierte Planeten, auf denen riesenhafte und pilzartige Gebilde wucherten. Die Forschung war sich eigentlich einig darüber, dass es auf diesen Planeten einst Leben gegeben haben musste, welches von eben diesen Ungetümen vernichtet worden war. Wie dieser Prozess vor sich ging, war noch unklar. Das lag daran, dass sich diese Ungetüme dem Scan entzogen. Sie waren also in sich nicht interpretierbar. Sie gaben keine Daten preis und ebenso ließen sich mit dem Multiwerkzeug – der tote Vykeen möge mir diese Benennung verzeihen! – keine Proben nehmen. Man wusste also praktisch nichts über diese Erscheinungen, außer, dass sie eben eine Begleiterscheinung erstorbener Planeten waren. Forscher kannten einige Theorien hierzu. Eine populäre davon behauptete, dass diese Wesen dem Planeten zu ihrem Aufbau alle Nährstoffe entzogen und damit die lebensnotwendige Atmosphäre wie auch die planetare Kruste quasi unfruchtbar machten. Eine andere Theorie hielt diese Wesen für eine alte und übrig gebliebene Technologie längst untergegangener Kulturen, die einen Planeten für das Terraforming vorbereiten sollte und beim Untergang dieser Entwicklerkultur bestehen blieb und so ihre Arbeit ungehindert fortsetzte.


    Dieser Planet „80.000 Epsilon“ war übersät mit diesen Wesen. Man fand kaum einen Platz zum Landen. Dazu kam noch eine weitere Erscheinung. Zwischen all diesen Monstren hatten sich nicht weniger große Ringstrukturen gebildet. Sie waren so groß, dass ich mit der Gestressten hindurchfliegen konnte. Auch sie gab es zuhauf im Universum und auch sie entzogen sich jeder Form des Zugriffs. An manchen Stellen umschlossen diese Ringstrukturen sogar die anderen Wesen. Fast war es, als wich der Boden den riesenhaften Pilzstrukturen aus, um sich über ihnen wieder zu finden und dort neues planetares Gebiet entstehen zu lassen. ich bin mir bewusst, dass das spekulativ klingt. Aber an so vielen Stellen des Universums ließen Planeten Dinge in Erscheinung treten, die mit Leben nicht das Geringste zu tun hatten. Und doch waren es Strukturen, die sich an einer bestimmten Stelle ausformten und an anderen Stellen wiederum undenkbar waren. Dazu gehörten Vulkane genauso wie die unterschiedlichsten Kristallauswüchse. Aber auch Gesteinsformationen, die sich über Millionen von Jahren in bestimmten schlangenartigen Formationen über einen Planeten gelegt hatten oder Kobalt-Stalagmiten, die vor allem in Höhlen wuchsen, mussten hierzu gerechnet werden. Mir schien, dass Planeten immer das waren, was sie waren. Und dabei war es egal, ob fortpflanzungs- und fortbewegungsfähige und kohlenstoffbasierte Wesen, also Leben, auf ihnen war oder nicht. Planeten entstanden und vergingen. Und dabei war es unerheblich, ob Leben auf ihnen entstand oder nicht. Vielleicht konnte man es sogar anders herum betrachten: Vielleicht lebte ein Planet ein Planetenleben, solange er dabei nicht von organischem Leben gestört wurde. Vielleicht war die Menge an Leben auf einem Planeten sogar ein Maß für die Krankheiten, die ein Planet haben konnte. Man denke nur an die Intensität, mit der Riesenwürmer das Gesicht eines Planeten für immer verändern konnten.


    Soviel zu meiner Theorie. Mir erscheint es wichtig, das an dieser Stelle gesagt zu haben, um zu bedenken zu geben, dass nicht jede Theorie, die hierzu im Laufe ist, richtig sein muss, nur weil sie Eingang in unsere Technologie gefunden hat, mit der wir permanent das Universum bestimmen und kartieren.


    Fortsetzung folgt ...

  • Im Übrigen möchte ich eine Sache hier nur noch der Vollständigkeit halber erwähnen; vielleicht aber auch aus Eitelkeit oder vielleicht, weil es wichtig ist. Dropout 80.000 war ein Korvax-System. Mir gelang es mit Mühe zwischen all den Giganten auf dem toten Planeten zu landen, um ein wenig Schlaf zu bekommen. Selten schlief ich so gut, tief und erholsam wie hier inmitten dieser sanften Stille, in der immer ein leichter und pfeifender, aber nicht unangenehmer Wind über den Planeten zog. Aber das ist es nicht, was ich eigentlich erzählen will. Erzählen möchte ich, wozu mich meine Neugier trieb, als ich ausgeruht zur Raumstation geflogen war. Ich landete dort und ging zum Gesandten Maiut, der mich ganz nach Korvax-Manier mit übertriebenen Gesten begrüßte und auf der Station willkommen hieß. Ich weiß nicht, ob es meine Ausgeschlafenheit war, die mich übermütig werden ließ, oder die lange Reise, die ich schon hinter mir hatte. Jedenfalls ignorierte ich dieses Mal die Tatsache, dass man, wenn man sich mit einem Korvax unterhielt, immer mit einer Unzahl von ihnen redete. Und weil das so war, vermied man automatisch das, was man sonst an anderen Stellen der Welt ganz selbstverständlich tat. Normalerweise plapperte man drauf los und tauschte sich über allerhand Dinge aus. Doch bei den Korvax hatte man immer das Gefühl, dass man vor einem Interface stand, das eine bestimmte Form der Eingabe erwartete. Man wäre nie auf die Idee gekommen, einen Korvax zu fragen, wie es ihm ging und was er für Hobbys hatte. Man kam immer gleich zur Sache. Aber in diesem Moment war es anders. Ich hatte bereits eine Vorstellung davon erhalten, dass Korvax in friedlicher Weise rationale Wesen waren, die einem nichts krummnahmen. Alles, was sie taten, war zuerst auf sich gerichtet. Und ich hatte eine Vorstellung von ihrer Verletzlichkeit. Das war eine Versuchung.


    Daher plapperte ich bei ihm einfach drauf los und erzählte ihm eine Menge an Kram, von dem ich dachte, dass es ihn eigentlich nicht interessieren konnte. Ich erzählte ihm von dem tollen Tempo und der Wendigkeit meines neuen Schiffes und davon, dass ich es als die Gestresste bezeichnete. Ich erzählte ihm von ihrer Farbe und der passablen Sprungweite. Ich erzählte ihm, dass es auf „Piazza Vecchia“ im Trieste-System keine Stürme und außerordentlich viele Tiere gab und dass diese besonders viel und nahrhafte Milch gaben und ich erzählte ihm von dem traumhaften und wolkenverhangenen Himmel auf Fuchi 38/D3 kurz vor einem Sturm, der in Wirklichkeit keiner war, weil ein Sturm dort nur so wirkte wie ein Sturm, aber einen nichts davon spüren ließ.


    Ich wusste nicht, was er davon registrierte und was davon er überhaupt für verwertbare Daten hielt. Aber interessant war, dass er mir geduldig zuhörte und an den richtigen Stellen nickte. An einigen Stellen hatte ich jedoch das Gefühl, dass er gleichzeitig mit anderen Dingen beschäftigt war und nur auf meinen Tonfall reagierte. Daher nahm ich meinen ganzen Übermut zusammen und plapperte in meinem normalen Tonfall weiter, benutzte dabei jedoch lediglich die Silbe „Bla“. Er ließ sich dadurch nicht aus der Ruhe bringen und nickte weiter.


    Das ging eine Zeit lang so und er ließ sich nicht einmal dann aus der Ruhe bringen, als ich das Startgeräusch der Gestressten nachahmte. Schließlich lobte ich ihm gegenüber noch die Kampfeskraft der Vykeen und die hemmungslose Gier der Gek. Ich übertrieb weiter und fantasierte, was das Zeug hielt. Ich provozierte und sagte dem Korvax, dass ich die Logik nicht für den Schlüssel zu allem halten würde und dass man im Leben eigentlich die besten Kräfte der Vykeen, Gek und Korvax in sich, in einem intelligenten Wesen vereinen können müsste, um sich vollkommen zu fühlen.


    Daraufhin erstarrte er plötzlich und auch um ihn herum schien alles zu erstarren. Die ganze Raumstation erstarrte … irgendwie. Lediglich zwei Gek vor einem Aussehensmanipulator schnatterten weiter. Mir erschien es in diesem Augenblick, als bräuchte er, als bräuchten die Korvax um ihn herum eine Zeit, um neu zu bewerten, was ich gerade gesagt hatte. Wie ein Satz, ein Gedanke doch auf einmal alles ändern konnte.


    Er schlug mit sehr viel Kraft und recht theatralisch auf den Tresen, dass es in der Abflughalle ein helles Echo gab. Da es nun an ihm lag, diese Reaktion zu erklären, wartete ich ab. Zum Glück gab es bei den Korvax keinen wirklichen Blick, dem man standhalten musste. Und so gelang es mir, meine anfängliche Unsicherheit zu verbergen, während ich auf sein dunkles Gesichtsfeld schaute. Glücklicherweise wich die kurz in mir aufblitzende Unsicherheit bald einer Neugier auf das, was jetzt folgen würde. Zu lange war ich der Eintönigkeit des Weltraumes nun schon ausgesetzt, als dass jede Außerordentlichkeit mich kalt lassen und nicht dankbar in heitere Gefühle übertreten konnte.


    Wie theatralisch seine Geste war, wurde deutlich, als der Gesandte Maiut ein Geräusch und eine Bewegung machte, als würde er tief Luft holen. Er beugte sich über seinen Tresen und sprach nah an mein Ohr:


    „Es ist uns nicht verborgen, dass du dich offensichtlich anschickst, über den gewöhnlichen Rahmen des Handelns, Denkens und Sprechens einer Standard-Anomalie hinauszuwachsen. Lange schon erforschen wir solche Erscheinungen, wie du sie darstellst. Wir haben eine Menge an Theorien über dich. Sie sind allesamt gleichwertige logische Erklärungen davon, warum du so bist, wie du bist. Wir sind bezüglich deines Wesens in einen Status der Homöostase getreten und halten uns mit weiteren Bewertungen zurück. Es liegt also alleine in deiner Verantwortung, welches Verhältnis der Ansichten über dich in uns entsteht. Es ist dein Verhalten, dein Sprechen, das uns mit diesen oder jenen Daten versorgt und unsere Bewertung deiner selbst aus dem friedlichen Gleichgewicht bringen kann. Ich könnte dir alle Möglichkeiten dessen aufzählen, was die Konsequenzen wären. Aber das würde deine Lebenszeit überschreiten. Wir sind uns sicher, dass du verstehen kannst, welche Entscheidung es ist, vor die du dich mit deinem naiven Verhalten nun selber gestellt hast.“


    Ich verstand tatsächlich. Soweit hatte ich die Korvax bereits kennengelernt. Wenn Hoffnung als eine Regung echter Lebensformen nur das Ergebnis purer Logik war, dann musste das auch für anderes gelten; z.B. für Aggression, Rache, Bestrafung und dergleichen. Es waren nur Optionen. Ansonsten konnte man bei dieser Spezies vor allem eines erwarten – und das war echt: Aufrichtigkeit. Das hoffte ich zumindest.


    Ich zeigte daher ein durchaus nicht gespieltes Interesse an Dingen, die mit dieser Rede des Korvax zusammenhingen, und fragte ihn, wie viele Möglichkeiten meines Handelns zu einem Zustand der Anschauungen über mich führen würden, der eine Fortsetzung des freundschaftlichen Verhältnisses zwischen mir und den Korvax beinhaltete. Die Antwort, die er gab, überraschte mich. Er nannte mir eine sehr hohe Zahl, die ich bald wieder vergaß. Und er sagte mir aber auch, dass die Zahl der Freundschaft enthaltenen Optionen weit über der lag, die Feindseligkeiten bedeuteten. Er sagte dann aber auch, dass die geringere Anzahl möglicher Fälle von Feindseligkeiten zugleich die wahrscheinlichere Kategorie sei, da unsereiner naturgemäß einen größeren Hang dazu hätte, die für sie nachteilige Option zu wählen.


    Wenn das die Methode der Korvax war, mit der sie sich unerwünschte Gesprächspartner vom Hals schafften, dann war sie effektiv. Ich ließ von meinem ursprünglichen Vorhaben (vorerst) ab, ihn nach dem Planeten zu fragen, der dem Lichtjahr zugrunde lag, stieg in mein Schiff und ließ mich ziellos ins All hinauskatapultieren.


    Fortsetzung folgt ...