Tyen Nomaskys Logbuch

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  • Logbuch des Vyomanauten Tyen Nomasky, Erste Überlegungen, im Sternenjahr 2140. LdV 001


    Wie jeder brave Vyomanaut will ich ein Logbuch schreiben, um Rechenschaft über die verflossene Zeit abzulegen. Aber es gibt niemanden, der mich auf diese Reise geschickt hätte, niemanden, dem ich mich zu verantworten hätte, niemanden, den meine Erlebnisse interessieren könnten. Ich bin alleine mit diesen Aufzeichnungen, die sich letztendlich ad absurdum führen werden: denn für wen anders wären sie verfasst als für mich? Und gemeinsam mit wem anders werden sie in einer Synkope verglühen als mit mir? Unendlich ist der Weltraum und nur einen Wimpernschlag lang dauert unser Leben. Aufzeichnungen darüber zu führen, ist sinnlos. Trotzdem beginne ich mit der Niederschrift der Merkwürdigkeiten, die mir begegnen. Einfach um mir zu beweisen, dass ich noch existiere.


    Hineingeworfen wurde ich in die Galaxis namens Euklid, mit wenig mehr als dürftiger Ausrüstung. Mehrmals ist mir das schon passiert: Ich habe die Maschine eingeschaltet, mich verkabelt und meine neuronale Bereitschaft zur Reise bekundet. Laut summt das Gerät, schnell ziehen mich Ton und Bild in ihren Bann. Eingeschrieben finde ich meine Aufmerksamkeit im fiktiven Raum der Maschine. Sie holt mich ab, begleitet mich, bis wir durch die verschiedenen Stadien des Bildaufbaus geglitten und auf meinem derzeitigen Planeten gelandet sind. Dann spuckt sie mich aus am Teleporter meiner Basis. Ich bin angekommen, ein zufriedener Vyomanaut. Ich kann dort beginnen, wo mein Leben letztes Mal geendet hat.

    Oft schon habe ich diese Reisen absolviert. In den automatischen Aufzeichnungen meiner galaktischen Maschine lese ich: Sternenjahr 2135: 130,8 Tage; Sternenjahr 2136: 285,2 Tage; Sternenjahr 2137: 288,23 Tage. Und dieses Jahr, 2140, sind es bereits 94 Tage, die ich mit Reisen verbracht habe.

    Ich möchte diese Zeiten nicht missen in der alltäglichen Routine des “normalen” Lebens. Der Blick auf die reale Existenz ist ein deprimierter und ernüchternder. Alles um uns ist kaputt gegangen. Was haben vom Leben auf dieser Erde noch zu erwarten? Weitere, grössere, erbarmungslosere Kriege? Den kompletten Zerfall der Gesellschaft? Gewalt, Hypertrophie, Ökozid? Wie lange noch werden wir das überdauern können? Wir befinden uns am Beginn des Post-Anthropozän, jenem Zeitalter, indem sich die gar nicht gütige Natur sich alles zurücknimmt, was unser Menschengeschlecht ihr einst gestohlen hat. Niemand will, ja kann noch etwas ändern am Wirbel in den Tod. Kosmische Mächte ändern uns fortwährend, verwandeln uns in Objekte des Verfalls. Wir sind gelähmt vom Schrecken und verkriechen uns verängstigt in unser schwaches Ich. Wir überlassen unser Ende der Macht der Technokratie: ja, auch den eigenen Untergang vermag die technokratische Elite zu verwalten. So wird es bleiben, bis zu unserer Auslöschung. Die Natur ist weit davon entfernt, gütig sein zu können.

    Doch die Misere der realen Welt soll hier nicht interessieren. Nur das Schicksal als Vyomanaut zählt, das Geworfen – Sein in das elektrische Rauschen künstlicher Galaxien. Tatsächlich komme ich immer wieder zurück an die artifiziellen Orte, die von mir selbst erschaffen wurden, und die ich der Mechanik einer Maschine abgetrotzt habe. Sie sind zu den Koordinaten meines neuen Lebens geworden, das ich aus meiner traurigen Existenz geschaffen habe.


    Das war der erste Eintrag in mein Logbuch, LdV 001.

    Ich sage euch: Man muss noch Chaos in sich tragen, um einen tanzenden Stern gebären zu können. (Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra)

  • Logbuch des Vyomanauten Tyen Nomasky, Nichts ist voraussetzungslos, im Sternenjahr 2140. LdV 002


    Die ersten Schritte in dieser Welt sind gut gelungen. Ich habe aus den Erfahrungen meiner früheren Reisen gelernt, bin vertrauter mit den Logiken der Mechanik geworden, handle routinierter. Ich arbeite ständig am Upgrade meiner Ausrüstung, meiner Instrumente und Raumschiffe und bin dabei, meinen Reiseverlauf systematisch zu planen. Manche Missionen erledige ich in den vorgeschriebenen Schritten der Galaxienmechanik. Vielleicht hilft das, mich weniger meiner Entdeckerlust aussetzen zu müssen, die mich manchmal in grenzwärtige Situationen bringt. Es ist belastend, sich ständig in den Weiten und Gefahren des Weltalls zu verlieren. Ein Handlungsgerüst hilft da sehr.

    Gerade bin ich dabei, auf einem paradiesischen Planeten eine grosse Farm zu errichten. Paradiesische Planeten sind Ökosysteme, in denen man sich relativ frei und ungezwungen bewegen kann: ohne zusätzliche Schutzmassnahmen, Energieabsicherungen und anderen Vorkehrungen gegen Gefahren. Sie lassen uns die Stimmung erspüren, wie sie vor Jahrzehnten im Frühling erfahrbar waren. Sogar die Präsenz der allgegenwärtigen Wächter, einer Art intergalaktischen Polizei, hält sich in solchen Systemen in erträglichen Grenzen. Ich bin froh, gleich zu Beginn meiner Reise einen solchen Paradies-Planeten gefunden zu haben: das ist eine wichtige Daseinsvoraussetzung. Denn ich muss bei meiner Versorgung mit Rohstoffen autonom werden. Dazu will ich mich möglichst ungehindert bewegen können.

    Es ist ein umfangreiches Bauvorhaben, das ich in die Realität umsetzen möchte: 12 bis 15 Geodome sollen entstehen, mit zuverlässiger Elektrizitäts- und Nährstoffversorgung, damit die unterschiedlichsn Pflanzen bestmöglichst gedeihen können. Auch ein Lagerhaus, ein Teleporter, ein galaktisches Handelsterminal und ein Sauerstoffextraktor sollen errichtet werden, vielleicht auch ein Aufenthaltsbereich für die raren sauren Regen, die es dem Vernehmen nach auch hier geben soll. Der landwirtschaftliche Betrieb wird mein Leben auf eine zuverlässige finanzielle Basis stellen können. Es soll ein Musterbetrieb werden. Zusammen mit einem guten Vertriebssystem wird sich guter Gewinn erwirtschaften lassen, auf den ich für Notfälle zurückgreifen kann.

    Denn auch in der Welt von NMS funktioniert ohne Handel und ohne entsprechende Zahlungsmittel nichts. Offenbar ist eine Welt ohne entsprechende Kapitalisierung nicht denkbar. Selbst die Utopien benötigen Macht, Geld und Kapitalakkumulation. Dieser Pragmatik ist offenbar nicht zu entkommen. Doch die wirtschaftlichen Verhältnisse in meiner neuen Welt sind sogar noch ein wenig komplizierter und anspruchsvoller als im normalen Leben. So hat jedes Planetensystem seine eigenen Wirtschaftskreislauf. Das erfordert einen genauen Blick auf die Preisgestaltung, die auf den Handelsplätzen herrscht. Oft ist es ratsam mit seinem Transporter/Hauler längere Strecken zu warpen, um im Handel bis zu 20 Prozent bessere Preise zu erwirtschaften. Denn es gibt arme, reiche, moderate aber auch sehr gefährliche Planetensysteme, an die die Ware verbracht werden kann. Zudem ist Galaxis voller Piraten, die einem die hart erarbeitete Ware abjagen will. Nur das Gesetz der Macht hat seine Gültigkeit.

    Noch dazu existieren drei unterschiedliche Zahlungsmittel, die für jeweils unterschiedliche Waren verwendet werden müssen. Jede vernünftige Buchhaltung wird deshalb schwierig: “Units”, “Naniten” und “Quecksilber” können weder gegeneinander verrechnet werden, noch ist ihr Erwerb absehbar. Man muss die Gewinne und Ausgaben balancieren, muss wissen, wofür in einem spezifischen Moment besser Kapital angelegt oder ausgegeben werden sollte.

    Die Farm auf Earthseed, ja, das ist eines meiner Lieblingsprojekte. Es liegt nicht nur an der Lust am Handeln in den Raum- oder Handelsstationen, nicht nur an der Lust an der Produktion oder am Gewinn. Die landwirtschaftliche Tätigkeit kommt vor allem meiner Liebe zu Pflanzen entgegen. Wenn sie schon nicht mehr so recht gedeihen wollen im extremen Klima des PostAnthropozäns, sollen sie sich wenigstens in der Mechanik von NMS prächtig und ordnungsgemäss entwickeln.

    Unter Anleitung Landwirtschaftsexperten aus dem Volk der Gek darf ich die Pflanzen kultivieren. Ich habe ihn auf einer Raumstation in einer der Grünen Systeme getroffen. Merkwürdigerweise hat er sich mir fast an den Hals mit seiner Dienstfertigkeit. Umsonst wolle er bei mir arbeiten, wenn ich ihn nur von der Plackerei in der Beengtheit der Raumstation befreien würde. Und er wolle mich anleiten zu einem erfolgreichen Unternehmer, der die feinsten Tricks des Anbaus, der Pflege, der Ernte und des Vetriebs der Produkte beherrschen würde. Meinen Willen vorausgesetzt natürlich, denn nichts sei voraussetzungslos, auch in dieser Branche nicht, pflegte er zu sagen. Diese vordergründlich freundliche, aber letzten Endes sehr bestimmende, wenn nicht gar manipulative Duktus seiner Rede: wie sehr habe ich mich inzwischen an ihn gewöhnt. Mir blieb wegen seiner Aufdringlichkeit eigentlich fast kein anderer Ausweg, als ihn anzustellen. Ich liess mich einfach übertölpeln. Vorsichtshalber unter die Kuratel meines Aufsehers, einem Artgenossen, zu stellen. Ihm musste in meiner Raumstation ein spezieller Terminal eingerichtet werden, von dem aus er mich bei meinen landwirtschaftlichen Unternehmungen anleitet.

    Es ist ein kleines, gedrungenes Wesen, das mit seinem Vogelschnabel und seiner Phantasieuniform lächerlich und exotisch zugleich aussieht und sich in meiner Unterweisung sehr merkwürdig verhält. Immer wieder diese langen Exkurse zur grossen (und zugleich traurigen) Geschichte der Gek, in denen diese oder jene Pflanze eine grosse Rolle gespielt haben soll. Immer diese Aussscweifungen und autoritären Anfälle, die es offenbar für grandiose Pädagogik hielt. Aber .letzten Endes ist mein Experte namens Baba Ganuss ein grossartiger, wenn auch strenger Lehrer, der mich schrittweise dazu anleitet, die Gewächse zunächst probeweise in Lagertrögen zu pflanzen. Gelingen diese dort, dann darf ich sie in einem weiteren Schritt in meinen neu zu errichtenden Geodomen züchten. Aber es erfordert spezielle Mineralien und Samen, die ich von meinen botanischen Exkursionen stolz in meine Basis bringe und vorzeigen muss. Dort werden sie kritisch geprüft, ob sie für meine Gärtnerarbeit taugen und wenn nötig auch als minderwertige Proben verworfen. Ja, Lehrjahre sind beileibe keine Herrenjahre!

    Doch seine Methode (und meine gute Motivation) schienen nach einiger Zeit ihre Wirksamkeit gezeigt zu haben. Binnen weniger Sternentage habe ich mein Handwerk gelernt. Denn nichts ist voraussetzungslos und vieles muss erst gelernt werden, um hier überleben zu können. Baba Ganuss lobt mich ausführlich, als ich mein letztes Lehrstück abgeliefert habe und verspricht mir, mich auch in Zukunft zu unterstützen. Dann verstummt er, wer weiss, wie lange?


    Das war der zweite Eintrag in mein Logbuch, LdV 002.

    Ich sage euch: Man muss noch Chaos in sich tragen, um einen tanzenden Stern gebären zu können. (Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra)